Dienstag, 28. Oktober 2014

Kleine Geschichten aus meinem indischen Alltag: Kapitel 1-4


Kapitel 1: Die Nachbarn

Wir wohnen in einer Art Mehrfamilienhaus mit drei Wohnungen. Die Nachbarn sieht und vor allem hört man ständig, da die Kinder oft schreiend draußen herumrennen (gerne auch schon morgens um sieben) und die Haustür meistens offen steht. Direkt an unser Haus gebaut ist auch ein kleiner Kiosk, dessen Besitzer uns schon fragt was los ist, wenn wir mal einen Tag nicht bei ihm eingekauft haben. Er führt von Chips und Keksen über Seife und Zahnbürsten auch Stifte und Milch. Vor ein paar Tagen hatte Annika Halsschmerzen und ich wollte ihr einen Tee besorgen. Während der Verkäufer mir sein Sortiment an Tee zeigte, fragte er, wo meine Freundin denn sei. Als ich erwähnte, dass sie Halsschmerzen habe und dass ich deshalb den Tee kaufen wollte, drückte er mir stattdessen ein Stück Ingwer in die Hand, das er heute zufällig auch im Angebot hatte und meinte, dass ich ihr lieber einen Ingwertee kochen sollte. Leider konnte ich seinen Anweisungen nicht ganz folgen, weshalb er irgendwann das Stück Ingwer ergriff und bei den Nachbarn klingelte, der Mutter den Ingwer in die Hand drückte und ihr erklärte, was sie machen sollte. So stand ich bei den Nachbarn in der Küche und schaute zu, wie sie den Ingwer mit einer Reibe zerkleinerte. Danach erklärte sie mir nochmal auf Tamil, was ich damit machen sollte und ich wackelte eifrig mit dem Kopf und konnte Annika endlich den Tee kochen.
Auch ganz amüsant war am Wochenende, als eine alte Frau an der Tür klingelte, um uns eine Schüssel mit Süßigkeiten zu bringen. Womit wir die verdient hatten, weiß ich nicht und leider weiß ich auch nicht, wo die Frau wohnt, um ihr die Schüssel zurückzubringen. Aber lecker wars J

Kapitel 2: Die Polizei

Unser Projekt liegt direkt an der East Coast Road, die große Straße, die an der Küste entlangführt und Chennai und Pondicherry verbindet. Es gibt eine Abteilung der Polizei, die für die Sicherheit auf der Straße sorgen soll und sie deshalb immer auf und ab fährt. Einmal standen wir abends an der Straße und wollten ein shared auto anhalten. Zwei junge Männer aus unserem Projekt haben mit uns gewartet und immer mit den Fahrern geredet. Anscheinend wollten alle mehr Geld, als sie für nötig hielten, weshalb wir dann eine halbe Stunde da standen und sie jedes auto wieder wegschickten. Irgendwann waren wir ziemlich genervt und sie wohl auch, weshalb einer über die Straße lief und ans Fenster des Polizeiautos klopfte, was da gerade Pause machte. Der Polizist kam dann und redete eine Weile mit uns und als das nächste Auto vorbei kam, wollte der Fahrer plötzlich auch keinen Nachtaufschlag mehr.
Ein paar Tage später liefen wir morgens die Straße entlang, weil noch keine shared autos unterwegs waren. Plötzlich hielt neben uns das Polizeiauto an und der gleiche Polizist lud uns ein, einzusteigen. Mit gemischten Gefühlen kletterten wir in das Auto und wurden so von der Polizei zum Projekt gebracht.
Es geht aber noch skurriler: Ich war gerade zum Wäschewaschen im Bad, als es an der Tür klingelte. Ich hörte, wie Annika aufmachte und kurz redete. Danach kam sie zu mir und erzählte, dass das die Polizei gewesen war, die nur eine Frage gestellt hat: Habt ihr schon gegessen? Nachdem sie das bejahte (das ist hier so eine Floskel, auf die man eigentlich immer mit ja antwortet), drehte der Polizist sich um und ging wieder.

Kapitel 3: Kakerlaken und Geckos

Hier gibt es richtig viele von diesen beigefarbenen Geckos, die die Wände hochlaufen und an der Decke krabbeln. (Letzens machte es plötzlich plumps und einer war auf mir gelandet. Ich war ziemlich perplex und er krabbelte meinen Schal hoch und sprang mir dann von der Schulter). Wir haben auch eine Familie in unserem Haus, die wir aber sehr mögen, da sie gerne Schnaken essen. Ich saß in dem Raum, der nicht unser Zimmer ist, und telefonierte, als ich in der Küche eine riesige Kakerlake entdeckte. Ich überlegte kurz und beschloss, sie zu ignorieren und zu hoffen, dass sie einfach verschwinden würde. Die Kakerlake ihrerseits beschloss aber, auf mich zuzulaufen, was mich dann dazu bewog, einen Besen zu holen. Ich drehte mich also kurz um, um den Besen zu ergreifen, und als ich den Kampf aufnehmen wollte, war die Kakerlake plötzlich weg. Misstrauisch schaute ich mich um und hoffte, dass sie nicht bei uns ins Zimmer gerannt war, als mein Blick auf den Geckopapa fiel: er hatte die Kakerlake quer im Mund und verspeiste sie mit einigen Knackgeräuschen. Seitdem mag ich die Geckos noch lieber! 

 Kapitel 4: Knoblauch

Annika war heute krank, weshalb ich alleine im Projekt war. Das ist immer nicht so prickelnd, weil oft eher langweilig. Heute habe ich meinen Morgen dann damit verbracht, zwanzig (!!!!) Knoblaeuche zu schaelen. Falls jemand wie ich schon mal so viel Knoblauch ohne Messer bearbeitet hat, wird er bestimmt nachvollziehen koennen, dass einem irgendwann tatsaechlich die Finger anfangen zu brennen. Vor Vampiren bin ich hier auf jeden Fall geschuetzt!

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Darf ich vorstellen...

Mein neuer bester Freund, er heisst Wilhelm (auch wenn mein Name auf dem Schutzblech steht). Wilhelm traegt mich seit Dienstag ueber die East Coast Road, wo wir uns neben anderen Fahrraedern, meist gefahren von alten Maennern oder Schulkindern, bunt angemalten Lastern, hupenden Bussen, Rikshas mit lauter Musik, Motorraedern mit drei Personen drauf, Ochsenkarren und anderen skurrilen Gefaehrten in den Verkehr mischen. Zwischen uns ist es so eine Art Hassliebe:  Leider komme ich naemlich noch nicht so ganz mit seiner Groesse klar: er ist wohl eher auf Inder abgestimmt und sogar meine kurzen Beine sind schon zu lang fuer ihn, weshalb ich keine zu scharfen Kurven fahren darf, um nicht damit gegen den Lenker zu stossen. Die doch so praktische Erfindung der Gangschaltung ist leider auch noch nicht in Indien angekommen.
Trotzdem liebe ich ihn dafuer, dass er mich mobil macht und mir somit ganz andere Moeglichkeiten eroeffnet (zum Beispiel Besuche am Strand). Ausserdem tut so ein bisschen Bewegung doch ganz gut.

Samstag, 11. Oktober 2014

Winter is coming

Hier zur Einstimmung zum Thema Landarbeit mal zwei geschmueckte Schlepper, wie man sie hier sehr oft sieht-typisch Indien: hier werden sogar die Muelllaster bunt bemalt
Das mit den Jahreszeiten ist hier ja ein bisschen anders-letzte Woche hatten die Kinder zumindest Winterferien (das heißt nicht, dass hier jetzt Winter ist. Die Temperatur schwankt zwischen 27 Grad nachts und 35 Grad tagsüber) Die Schulen waren geschlossen und die Kinder in unserem Projekt sind nach Hause zu ihren Familien gefahren. Freiwillige, die mit Kindern arbeiten, haben also in dieser Zeit nichts zu tun, weshalb FSL ein Wintercamp organisiert hat.
Wir fuhren also für eine Woche in ein Dorf in der Nähe von Pondicherry und halfen in einem Projekt mit, in dem auch einer von unserer deutschen Gruppe platziert ist. Insgesamt waren wir acht Freiwillige aus der Region.
Das Projekt, in dem wir waren, heißt Sristi Foundation und ist wirklich etwas ganz besonderes. Die Vision des Gründers Karthik ist es, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen in einem Dorf leben, das sich selbst versorgt. Karthik ist selbst in einem Waisenhaus mit ähnlichem Konzept aufgewachsen, dessen Leitung er mit 18 übernommen hat. Nebenher hat er noch Psychologie studiert und nun arbeitet er seit an einem Jahr an seinem neuen Projekt, dem Sristi Village. Das Projekt ist wie eine kleine Familie, bunt zusammengewürfelt aus verschiedensten Menschen, die zusammen leben und arbeiten. Außerdem gibt eine Schule für behinderte Kinder und ein großes Stück Land, das irgendwann einmal die Versorgung der Gemeinschaft sichern soll. Zu diesem Zweck arbeitet Charlotte, eine ältere US-Amerikanerin im Projekt: ihre Vision ist es, das Land so zu bestellen, dass es nicht nur die Ernährung sichert, sondern auch noch Geld einbringt. Um diesem Traum (der noch in weiter Ferne liegt) wenigstens ein kleines Stück näher zu kommen, waren wir da. Wir verbrachten in dieser Woche zehn Stunden unseres Tages auf dem Acker (wobei wir nur von acht bis halb elf und von halb vier bis halb sechs arbeiteten. Die restliche Zeit verbrachten wir im Schatten eines extra für uns errichteten Unterstands und schliefen, lasen oder spielten Doppelkopf).


 Die ersten Tage pflanzten wir Kokospalmen und befreiten die zum Garten auserkorene Stelle auf dem Land von äußerst lästigem Unkraut (keiner wusste genau, was das war, aber die Wurzel reicht bei manchen Pflanzen ungefähr fünfzig Zentimeter in die Erde. Wir bildeten Zweierteams und einer lockerte mit einem mehrere Kilo schweren Metallstab mit spitzem Ende die Erde auf, indem er den Stab mit Schwung in die Erde rammte und dann die Pflanze und möglichst viel der Wurzel hochhebelte. Meistens kam nur ein kleiner Teil der Wurzel mit, weshalb der zweite im Bunde dann begann, nach der restlichen Wurzel zu graben. Diese langwierige Prozedur wiederholten wir zwei Tage lang, bis der eigentlich relativ kleine Garten zumindest oberflächlich sauber war. Wie viele Wurzeln noch in der Erde stecken und wieder austreiben, wird sich bald zeigen). Die restlichen Tage streuten wir Hanfsamen auf den restlichen Teil des Landes (wie viel davon was wird, wird sich dann auch zeigen… ich bezweifle allerdings, dass die Samen, die wir wild auf die trockene und harte Erde gestreut haben, sich durchsetzen können). 


Eine andere Aufgabe war es, den Gartenbereich zu designen: Mit dünnen Ästen und Bananenblättern wurden Beete und Wege gelegt und dann besät. Die Kurven sind nicht nur aus stilistischen Gründen, sondern auch, weil Insekten nur gerade Wege gehen und deshalb so die Pflanzen nicht schädigen (laut Charlotte). 


Auch für den interkulturellen Austausch war gesorgt: neben den Bewohnern des Projekts kamen die ersten paar Tage eine komplette Schulklasse und danach immer noch ein paar Kinder aus dem Dorf, um uns zu helfen. Vor allem am Anfang war das allerdings mehr Stressfaktor als Hilfe: natürlich gab es nicht genügend Geräte und Aufgaben für vierzig Leute mehr, außerdem waren die Kinder auch viel mehr daran interessiert, uns zu fotografieren und beim Arbeiten zu beobachten, als selbst zu arbeiten. Die mutigeren der Gruppe trauten sich auch, mit uns zu reden (während wir arbeiteten). So schafften wir mit vierzig Arbeitern mehr leider nicht mehr Arbeit und jegliches System, mit dem wir den Garten bearbeitet hatten, wurde zerstört. Im Laufe der Woche wurde das aber besser, weil nicht mehr die ganze Schulklasse anrückte (ich habe sowieso nicht verstanden, was das sollte: Die Kinder haben Ferien, wieso kommen sie dann klassenweise mit Lehrer zum Arbeiten? Manche hatten sogar ihre Schuluniform an). Die Mehrheit der Kinder, die gegen Ende der Woche noch kam, war dann auch wirklich eine Hilfe und letztendlich haben wir doch einiges geschafft-es war wirklich schön, mal ein Ergebnis der Arbeit zu sehen.
Insgesamt hatten wir eine spannende, abwechslungsreiche und lustige Woche. Es tat gut, mal etwas anderes zu sehen und zu tun und es ist schön zu wissen, dass wir jetzt Teil der Sristi Familie sind. 


Dienstag, 2. September 2014

Kanchipuram-eine kleine Geschichte von Affen, Tempeln und Seidenwebstuehlen


Am Freitag hatte der indische Gott Ganesha Geburtstag, was ein offizieller Feiertag in unserem Bundesstaat ist. Annika und ich und sieben andere Freiwillige nutzten die Chance und fuhren zusammen nach Kanchipuram, wo wir auch schon unsere Registrierung gemacht hatten.
Kanchipuram zählt zu den sieben heiligen Städten Indiens und es gibt eine Menge 
a) Tempel:
Am Samstag starteten wir nachmittags mit zwei extra angemieteten Rikscha-Fahrern zu einer Tempel-Tour, die die fünf wichtigsten Tempel umfasste. Nähere Erläuterungen zu den verschiedenen Tempeln erspare ich euch, die Bilder sprechen wohl für sich.














b) Affen:
Schon am Busbahnhof hatten wir unsere erste Begegnung mit diesen kleinen Affen. Danach sahen wir immer wieder welche: auf den Dächern oder auf dem Tempelvorplatz.


Die unheimlichste Affenbegegnung war aber, als wir gerade gemütlich bei uns im Zimmer saßen. Die Tür hatte nur so einen Riegel, den wir nicht vorgeschoben hatten. Plötzlich ging sie langsam auf und eine kleine Hand streckte sich hinein-ein Affe im dritten Stock unseres Hotels! Wir saßen völlig fassungslos auf dem Bett und die Tür ging weiter auf und der Affe schaute uns an. Eine Mitfreiwillige fasste sich irgendwann und sprang auf und machte die Tür zu, um zu verhindern, dass der Affe uns unsere Kekse klaut.

c) Webstuehle: 
Neben Tempelstadt ist Kanchi auch noch die Seidenstadt Indiens. Unser Hotel hatte zum Beispiel einfach mal ein paar Webstühle im Erdgeschoss stehen, an denen man vorbei lief, wenn man nach draußen wollte. Am Sonntag machten wir außerdem eine Tour, auf der ein Mann uns durch verschiedene Familienbetriebe führte, die von Hand weben. Das war wirklich total beeindruckend. Für einen Sari braucht man mit diesen Webstühlen mindestens zwei Wochen und fünf verschiedene Familien arbeiten daran mit-die einen färben die Seide, die nächsten ziehen die Fäden auf den Webstuhl, jemand muss das Muster erfinden und dann in die richtige Form bringen und schließlich muss jemand weben und dann verkaufen. 











Es geht steil bergauf!


Schon am Montag nach meinem letzten Blogeintrag hat sich unsere Situation bedeutend verbessert. Rubini, unsere Betreuerin von FSL kam zu Besuch, redete mit uns und den Leuten in unserem Projekt und ab Montagabend fing unsere Arbeitszeit an. Nun haben wir zumindest sechs Stunden am Tag was zu tun. Morgens stehen wir um kurz vor sechs auf und nehmen dann ein shared auto zu unserem Projekt. Wer glaubt, dass wir mit dem Auto fahren, liegt falsch. Als shared auto werden hier die etwas größeren Rikschas bezeichnet, die bestimmte Strecken abfahren. Man hält das auto an, steigt ein und klopft dem Fahrer auf die Schulter, wenn man wieder aussteigen will.
Wir kommen dann also so gegen halb sieben im Projekt an. Als erstes gehen wir meistens in die Küche. Zwiebeln schneiden und Knoblauchzehen knacken und 6.30? Willkommen in Indien und unserem Alltag. Meistens werden wir dann auch recht bald mit einem Kaffee beglückt, der uns den Morgen versüßt (buchstäblich: Kaffee wird hier mit sehr viel Zucker getrunken). Meistens geben wir dann noch den Kindern das Frühstück aus und richten das Vesper für die älteren Mädchen. Eins meiner Tageshighlights ist auf jeden Fall der Moment, in dem wir den Jungs die Haare machen: man stelle sich eine Horde kleiner Jungs vor, denen wir Kokosöl auf den Kopf schmieren und dann die Haare mit dem Kamm streng scheiteln und zur Seite kämmen. Der Höhepunkt kommt danach: die Kinder reiben sich jeden Morgen das Gesicht mit so Babypuder ein. Wenn sie damit fertig sind, haben sie meistens noch so weiße Flecken im Gesicht. Ich stehe dann also da und ein kleiner, weißgefleckter Junge schaut mit großen Augen zu mir hoch und wundert sich, über was ich mich so amüsiere.
Wenn die meisten Kinder weg sind, frühstücken wir. Meistens gibt es morgens für uns keinen Reis sondern so einen Brei mit Nüssen, der weder besonders süß noch besonders salzig ist, aber trotzdem ganz lecker. Nach dem Frühstück haben wir dreimal in der Woche mit unserer Gastschwester Tamil-Unterricht. Die Sprache ist echt total kompliziert und so fremd, dass es äußerst schwer ist, sich die Wörter zu merken. Zudem gibt es tausend grammatikalische Regeln, die uns undurchschaubar erscheinen und die unsere Gastschwester auch nur mit "Im englischen ist das leicht, aber in Tamil müssen wir die Sätze beenden" erklären kann. Trotzdem hoffe ich, dass ich die Sprache irgendwann zumindest so beherrsche, dass ich verstehe, was die Kinder so reden und von mir wollen.
Danach nehmen wir wieder ein shared auto zu unserer Wohnung und verbringen meistens den restlichen Morgen mit schlafen. Annika und ich haben zum Glück sehr ähnliche Schlafgewohnheiten und sind beide morgens noch nicht so aktiv, weshalb es uns nichts ausmacht, bis zum Mittagessen zu schlafen. Das haben wir entweder vom Projekt schon mitgebracht oder einer der Mitarbeiter radelt zu uns und bringt es uns. Meistens gibt’s mittags und abends Reis mit Soße. Man sagt ja, dass das Essen in Südindien sehr scharf sein soll, aber ich muss sagen, dass es sich meist gut essen lässt. Inzwischen fange ich auch an, andere Gewürze herauszuschmecken und nicht einfach nur ein Schärfegefühl im Mund zu haben.
Die Zeit, bis wir wieder ins Projekt fahren, verbringen wir mit Waschen, Tagebuch schreiben, im Reiseführer lesen oder Fotos sortieren. Da wir noch nicht alleine raus dürfen, sitzen wir halt die meiste Zeit in unserem Zimmer. Damit habe ich wirklich noch zu kämpfen: letztens habe ich aus Verzweiflung schon die Küche und das Bad geputzt, meine Tagebucheinträge sind auch so ausführlich, dass mein Buch schon fast voll ist und meine Fotos sind geordnet und gedreht wie nie.
Um fünf gehen wir wieder ins Projekt. Die Kinder sind gerade von der Schule gekommen und waschen sich und ihre Kleidung, während wir fürs Abendessen Knoblauch und Zwiebeln vorbereiten (Bei unserem Knoblauchkonsum brauchen wir hier wirklich keine Vampirangriffe fürchten und sind wahrscheinlich auch noch für das nächste Jahr in Deutschland geschützt!). Danach geben wir meistens Englischnachhilfe für die Kinder einer Klasse. Das klappt so mittelgut, beim ersten Mal habe ich versucht, den Kindern ein Grammatikkapitel aus ihrem Buch zu erklären (es ging um common nouns und abstract nouns, ich bin mir nicht sicher, ob wir sowas jemals gelernt haben, falls ja, hab ich es wieder vergessen und auch nie vermisst: das ist wirklich komplett überflüssig). Das Problem ist, dass die Kinder weder die Texte in ihren Büchern verstehen noch das, was ich versucht habe, ihnen zu erklären. So saßen wir also über eine Stunde da und ich bin mir ziemlich sicher, dass am Ende keins der Kinder eine Ahnung hatte, was ich jetzt auf zehn verschiedene Arten erklärt habe. Das ist weder für die Kinder noch für mich angenehm, weshalb ich gleich nach der ersten Stunde sagte, dass ich das so nicht mehr machen möchte. Stattdessen erkläre ich den Kindern jetzt einfachere Dinge, von denen ich merke, dass sie sie noch nicht können, was meistens auch recht gut klappt.
Manchmal haben wir auch Zeit, mit den Kindern zu spielen. Das ist immer sehr schön und auch sehr amüsant, wenn man die Verständigungsprobleme mal überwunden hat und jeder das Spiel verstanden. Leider kommt es nur viel zu selten vor, dass die Kinder zwischen Schule, Lernen und Arbeiten im Haus mal Zeit dafür haben, Kind zu sein und sich ein bisschen auszutoben.
Wir essen dann noch mit den Kindern zu Abend und fahren gegen neun nach Hause. Trotz Mittagsschlaf sind wir meist komplett geschafft und fallen um zehn schon ins Bett. Während ich es in Deutschland meistens schaffe, durchzuschlafen, hat man hier schon gut geschlafen, wenn man nur zwei oder dreimal aufwacht: mal bellt ein Hund (gefühlt direkt unter unserem Fenster), es ertönt mitten in der Nacht eine Hupe oder ganz beliebt bei uns ist auch das christliche Lied, das unser Gastbruder als Klingelton hat und das zu jeder beliebigen Tages-und Nachtzeit erklingt. Er hat leider einen sehr festen Schlaf, weshalb wir immer senkrecht im Bett sitzen, bis er mal seinen Anruf beantwortet. Was es um drei Uhr nachts so wichtiges zu besprechen gibt, kann ich euch auch nicht sagen…
Meine Arbeit macht mir bis jetzt wirklich Spaß. Dadurch, dass es sehr abwechslungsreich ist, wird es uns zumindest im Projekt nicht mehr langweilig und beim Gemüse schnippeln kann man sich auch gut unterhalten (leider nicht mit unserer Köchin, die nur Tamil kann). Ich hoffe nun, dass wir uns bald für die Zeit dazwischen ein Hobby suchen können und alleine raus dürfen-abgesehen davon hat sich ja schon viel verbessert. 

Sonntag, 24. August 2014

Eine kleine Geschichte von fast allem


Hier nun endlich mal ein ausführlicher Beitrag über alles Mögliche. Nicht, dass ich nicht genug Zeit gehabt hätte, ihn zu schreiben- Zeit hab ich hier zu Genüge. Allerdings sind wir erst am Donnerstag in die uns zugedachte Wohnung gezogen. Aber von vorne.
Letzten Mittwoch, also am 13. August, kamen Annika und ich endlich in unserem Projekt an. Zu unserer positiven Überraschung wurden wir sogar im Auto abgeholt-Bus fahren mit unserem schweren und umfangreichen Gepäck ist, wie wir ja schon erfahren durften, eine ziemliche Strapaze.

Unser Projekt ist ein Kinderhaus im kleinen Dorf Vayalur. Im Haus wohnen ungefähr 50 Kinder zwischen zehn und 17. Nur zehn Kinder sind Waisen, die anderen haben eine Familie, die allerdings sehr arm ist. Das Haus wurde aufgebaut von unserem Chef und Gastvater, der ein christlicher Priester ist (eine der Mitarbeiterinnen meinte mal, dass sie katholisch wären, aber der Gastvater hat drei Kinder…wahrscheinlich hab ich da mal wieder was falsch verstanden). Die Kinder werden auch sehr christlich erzogen, beten mehrmals am Tag und er kommt auch manchmal vorbei und spricht ein Gebet (aus welchen Anlässen genau hab ich noch nicht ganz durchschaut). Zudem durften wir am Sonntag schon dem dreistündigen Gottesdienst beiwohnen, natürlich auf Tamil. Im Projekt spricht nur unsere eine Gastschwester mehr oder weniger fließend Englisch, manche Mitarbeiter können noch ein bisschen was (Gespräche über Essen sind meistens möglich), andere können wirklich nichts bis auf hello und thanks. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, wie gut der Gastvater wirklich Englisch spricht: Er redet zwar immer eifrig, gestenreich und lange, aber ich verstehe wenn es gut läuft die Hälfte von dem, was er sagt und hege die starke Vermutung, dass er einfach die Wörter, die er nicht weiß, auf Tamil benutzt. Die Verständigung ist also wirklich eins der größeren Probleme, mit denen wir konfrontiert sind.

Ein anderes Problem ist, dass wir wirklich nicht so viel zu tun haben. Der Tagesablauf der Kinder ist streng durchgeplant: Sie stehen um fünf auf, machen Morgengymnastik, dann geht’s ans waschen, putzen und andere Hausarbeiten. Um 8.30 brechen die ersten auf in die Schule. Morgens sollen wir eigentlich den Kindern beim Fertigmachen helfen (Haare kämmen und so weiter), aber eigentlich können das alle selbst. So sitzen wir also den meisten morgen rum, trinken zuckersüßen Kaffee und hoffen, dass eins der Kinder seine Englischsachen auspackt und wir helfen können.

Zwischen halb fünf und fünf kommen die Kinder von der Schule zurück. Dann beginnt wieder das allgemeine Gewusel und nachdem sie sich umgezogen und gewaschen haben, fangen sie an zu lernen. Hier können wir uns zumindest manchmal einbringen und bei Aussprache-Fragen weiterhelfen oder mit den Kindern lesen üben. Darüber hinaus können wir auch hier nicht so viel helfen: Erklärungen auf Englisch verstehen die wenigsten und unser Tamil beschränkt sich noch auf Hallo und Danke. Die meisten der Kinder verstehen auch nicht, was in ihrem Englischbuch steht. Die Texte sind teilweise richtig anspruchsvoll und die meisten der Schüler sind damit komplett überfordert. Die meisten können zwar ein paar Grundfloskeln, aber darüber hinaus kann man mit nur sehr wenigen kommunizieren.

Bei dem strengen Tagesablauf bleibt nicht viel Zeit für Spiele mit den Kindern. Bei unseren Aufgaben stand auch, dass wir Englisch-Unterricht geben sollen, aber das wollen wir den Kindern auch nicht zumuten, nachdem sie zuerst den ganzen Morgen in der Schule saßen und den Nachmittag mit lernen und Hausaufgaben verbringen. Somit sitzen wir viel herum, aber es hat sich auch schon ein bisschen gebessert. Dadurch, dass wir die ersten Freiwilligen im Projekt sind, müssen auch die Mitarbeiter sich erst an die neue Situation gewöhnen. Eigentlich bin ich recht optimistisch, dass sich unsere Situation in ein paar Wochen verbessert.

Zu unserer Wohnsituation: die erste Woche verbrachten wir noch komplett im Projekt. Das war von dem her doof, weil wir unser Gepäck nicht auspacken konnten und auch kein eigenes Zimmer hatten. Die ersten zwei Tage schliefen wir im Zimmer unseres Gastvaters/Chefs, doch dann wurden wir ausquartiert und schliefen draußen mit den Mitarbeiterinnen auf dem Boden. Seit Donnerstag sind wir jetzt in der Wohnung. Das Problem ist, dass unsere Gastfamilie ja eigentlich im Projekt wohnt. In dieser Wohnung wohnt anscheinend normalerweise die Mutter, die allerdings zurzeit bei Verwandten ist und erst in ein paar Wochen wiederkommt. Die Wohnung besteht aus zwei kleinen Zimmern, einer Küche und einem Bad. Sie ist ungefähr zwei Kilometer vom Projekt entfernt, weshalb wir immer abgeholt und hingebracht werden. Derzeit wohnt unser Gastbruder, der eigentlich in einem anderen Bundesstaat studiert, auch noch mit uns in der Wohnung. Außerdem sind meistens eins der älteren Mädchen und unsere Gastcousine bei uns. Wir sind froh, dass wir endlich unser Gepäck auspacken konnten und nun auch ansatzweise sowas wie Privatsphäre habe, aber das aktuelle Arrangement ist auch nicht ganz optimal, da wir immer spazieren gefahren werden müssen und es vor allem an freien Tagen auch ein Problem ist mit dem Essen (wir somit entweder auch an unseren freien Tagen zum Essen ins Projekt fahren müssen oder das Essen wird uns gebracht, was auch komisch ist). Aber wir sind jetzt ja erst ein paar Tage hier, das spielt sich bestimmt auch noch ein.

Insgesamt geht es mir inzwischen schon viel besser als am Anfang und ich bin mir sicher, dass sich die Situation auch weiter verbessern wird und wir dem ganzen einfach nur etwas Zeit geben müssen. Die Leute sind auf jeden Fall sehr nett, kümmern sich und sind besorgt um uns. Auch die Kinder freuen sich, dass wir da sind und ein bisschen Abwechslung in ihren Alltag bringen. Wir werden ständig stolz vorgestellt und das Essen schmeckt mir auch (bis jetzt hab ich auch alles gut vertragen! J).
So, das war jetzt ganz schön lang. Wer mit dem Lesen bis hier gekommen ist: schön, dass du dich so sehr für mich interessierst ;)
Und: sobald ich das naechste Mal ins Internet-Cafe komme, kommen auch ganz viele schoene Fotos! :)


Mittwoch, 20. August 2014

Immer noch nicht ganz angekommen

Ihr seid wahrscheinlich alle ganz gespannt, wies mir geht: Im Moment nur so mittel. Hier ist alles etwas kompliziert und wir haben iiiiimmer noch nicht unseren Rucksack ausgepackt und wohnen noch im Projekt, wo es aber eigentlich kein Zimmer fuer uns gibt. Internet haben wir nur im Internet-Cafe und alleine raus duerfen wir auch noch nicht. Dafuer sind die Leute wirklich nett zu uns und die Kinder sind auch echt lieb und langsam beginne ich auch, mich an die neue Situation zu gewoehnen.

Ich habe jetzt eine indische Handynummer! Ins Internet mag ich sie ungern stellen, wer sie also haben moechte, der moege sich per Email oder Facebook bei mir melden. Auch eine Adresse fuer Postkarten, Briefe und Pakete gibt es jetzt, diese auch einfach bei mir erfragen. Falls es ganz dringend ist (ich weiss nicht, wann ich das naechste Mal ins Internet komme) koennt ihr euch auch bei meiner Familie melden, die euch dann weiterhilft.

Skypen kann ich nicht naechster Zeit wohl nicht, aber ich freue mich trotzdem ueber Anrufe auf mein Handy. Wie das fuer euch nur 1,5ct pro Minute kostet, steht hier erklaert: http://www.tarif4you.de/tarife/00919.html

Ich bin momentan etwas in Eile, genauere Details kommen hoffentlich bald.