Sonntag, 10. Mai 2015

Die Fünf Freunde im Reich der Rajputen



Fünf Freunde und die Abenteuer im Dachgarten-Jaipur

Schon auf der Busfahrt zu unserer nächsten Station merkten wir, dass uns etwas ganz besonderes bevorstand. Das lag weder an unserem klapperigen Bus noch an der lauten Musik, die die Fahrer die ganze Nacht lang abspielten und auch nicht an den vier Stunden Verspätung. Nein, wir verbrachten die meiste Zeit damit, aus dem Fenster zu schauen. Und wer mal nicht aus dem Fenster schaute, der wurde von den anderen schleunigst darauf aufmerksam gemacht, dass sie schon wieder ein Kamel gesehen hatten! Unsere nächsten drei Ziele lagen in Rajasthan, dem Wüstenstaat Indiens. 57% der Fläche Rajasthans sind von der Wüste Thar bedeckt. Die Hauptstadt Jaipur liegt allerdings noch nicht in der Wüste und ist vor allem eins: eine große Stadt. Dank einer Empfehlung beschlossen wir, unsere Nächte in Tony's Guest House zu verbringen. Wie sich bald herausstellen sollte, war das ein absoluter Glückstreffer. Wir übernachteten für 150 Rupien pro Person (das sind ungefähr 2,50€) und es gab kostenlosen Chai. Das meiste Leben spielte sich auf der Dachterasse ab, wo sich die Mitarbeiter des Hostels die meiste Zeit aufhielten und ganz tief entspannten. Alle hatten alle lieb, wir trafen auf viele interessante Leute und es kam zu vielen Gesprächen. Von dieser Dachterasse wollte man am liebsten gar nicht mehr runter, was auch dazu führte, dass am ersten Tag außer einem Kinobesuch nichts mehr drin war.


Am nächsten Tag kam (neben einigen Shoppingtouren) mein Jaipur-Höhepunkt: das Fort Amber. Schon auf der Fahrt dorthin begegneten wir Elefanten, die einfach so über die Straße liefen. Schon von unten konnte ich mich an dem Fort mit seinen Winkeln und Türmchen kaum sattsehen, das sich auf einem Hügel erhebt. Innen ließen wir uns einfach treiben- alles andere war auch unmöglich. Das Fort ist so verschachtelt und unübersichtlich, dass wir komplett die Orientierung verloren. Ich genoss das Gefühl und versuchte mir vorstellen, wie hier die Maharajas von Jaipur gelebt haben, wie die Kinder in den Ecken verstecken gespielt haben, wie die Frauen von oben das Treiben auf dem Hof beobachtet haben. In diesem Fort gar nicht so schwer vorstellbar!




 

Ansonsten verbrachten Annika und ich wie oben schon erwähnt noch viel Zeit mit Einkaufen, während drei Fünftel der Fünf Freunde gesundheitlich ausgeknockt waren und deshalb noch viel mehr Zeit als ich auf der Dachterasse verbrachten.

Annika und ich auf der Dachterasse
'Typisch indisch...'



Fünf Freunde und die Fata Morgana-Jaisalmer

Unser nächster Stopp war Jaisalmer, eine Wüstenstadt in der Wüste Thar, die sich als einzige Erhebung schon von weitem wie eine Fata Morgana aus der ansonsten flachen Landschaft erhebt. 


 Jaisalmer ist ein einziges Freilichtmuseum: wie so viele Städte in Rajasthan gibt es auch hier ein Fort, das allerdings am Anfang quasi das ganze Dorf beherbergte. Mit der Zeit wurde das Fort zu klein, weshalb sich die Leute auch außerhalb ansiedelten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Forts ist das in Jaisalmer durchaus noch bewohnt und hat dadurch seinen ganz eigenen Charme. Auch das Städtchen außenherum gehört wohl zu den schönsten Städten, die ich je gesehen hab: schmale Gässchen zwischen mehrstöckigen Häusern, von denen die meisten unglaublich kunstvoll verziert sind. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie aus Holz, dabei sind all die feinen Verzierungen aus Sandstein.



 Von Jaisalmer aus startete auch einer der Höhepunkte unserer Tour: eine Kamelsafari durch die Wüste Thar. Leider hatten sich Fiona und Anna-Lena gesundheitlich noch nicht erholt, dass sie statt in die Wüste zum Arzt fuhren und nur Daniel, Annika und ich uns auf den Weg machten. Die Wüste Thar ist, zumindest dort wo wir sie kennengelernt haben, nicht so wie man sich eine Wüste vorstellt (also mit nur Sand), sondern mehr eine sandig-steinige Mondlandschaft, in der ab und zu mal ein Strauch wächst. 
Pappu: ist er nicht hübsch?
Jeder hatte ein Kamel, wobei aus unerfindlicher Logik Daniel das Babykamel abgekriegt hatte und ich das mit Abstand größte (unser Kamelführer bereute das wohl schon nach dem zweiten Stopp: er musste mir immer hochhelfen, weil ich alleine nicht auf den Sattel kam). Trotz allem war mir mein Kamel auf Anhieb sympathisch, es hieß nämlich Pappu. Wir ritten also gemütlich daher, ein Kamel geführt von unserem Kamelführer, eins wurde angehängt und das kleinste von einem Jungen geführt (angeblich hatte er gerade Ferien). Ab und zu machten wir einen Stopp, um die Kamele zu tränken, eine ausgedehnte Mittagspause mit Mittagessen und einen Besuch in einem der Dörfer. Schön war die Nacht, die wir in der (weit und breit einzigsten) Sanddüne verbrachten und einfach so unter freiem Himmel schliefen. Es regnete sogar ein bisschen! Wir schauten in die Sterne und dachten uns Geschichten aus, am nächsten Morgen wurden wir mit Chai geweckt. 


Auf dem Rückweg durfte ich sogar mal alleine reiten (er drückte mir die Zügel in die Hand und meinte, wenn ich nach rechts will, soll ich am rechten ziehen, wenn ich nach links will, am linken, für stopp an beiden. Allerdings war ihm wohl nicht aufgefallen, dass die Zügel irgendwie verknotet waren… zum Glück konnte das Kamel den Weg auswendig und ich musste gar nichts machen.) Ich habe die Tour sehr genossen, natürlich hat es Spaß gemacht, auf dem Kamel zu reiten (auch wenn ich am zweiten Tag doch ziemlich Schmerzen hatte) und so die Landschaft anzuschauen. Besonders gefallen hat mir jedoch die Stille: das kennt man aus Indien gar nicht. Wenn mal kein Fernseher läuft, kein Laster hupt, kein Mofa knattert, keine Kuh muht, keine Nachbar diskutieren, dann ist doch meistens noch das Gebrummel des Ventilators im Hintergrund. In der Wüste war es so leise, dass man die Kamele kauen hören konnte.


Pappu und ich: die Familienähnlichkeit ist unverkennbar


Fünf Freunde und die Suche nach der Romantik-Udaipur

Nachdem die Fünf Freunde sich nach dieser Trennung wiedergefunden hatten, ging es weiter nach Udaipur, auch bekannt als romantischste Stadt Indiens. Ihr könnt euch vorstellen, wie sehr mich das in Verzückung geraten ließ… nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich so unromantisch bin, aber ich konnte Udaipur wirklich nicht so viel abgewinnen. 
Die Altstadt ist zwar ganz angenehm, aber nichts besonderes, der Stadtpalast ein Witz im Vergleich zu denen, die wir auf unserer Reise schon gesehen hatten. Ganz hübsch ist der künstliche See, in dessen Mitte eins der besten Hotels der Welt steht. (wir wollten da ja übernachten, aber als wir kamen, waren leider keine Zimmer mehr frei). Für James-Bond-Kenner: der Film Octopussy wurde hier gedreht.



Ich musste gerade wirklich überlegen, was wir in Udaipur so gemacht haben: wir waren shoppen und saßen im Café. Dann sind wir noch mit einem Boot über den See gefahren. Das wars quasi. Wirklich schön war der Sonnenuntergang, den wir von einem Rooftop aus beobachtet haben. 



Ach ja, mein persönliches Udaipur-Highlight war wohl, als ich mit Daniel abends noch auf dem Dach saß und plötzlich hörte man ein Klimpern und Scheppern: unten ritt einfach mal ein Elefant vorbei, mitten auf der Hauptverkehrsstraße! Er wich gekonnt hupenden Bussen und Autos aus, während die Motorradfahrer um ihn herumkurvten. That's India! 

Vor lauter Romantik konnte ich gar nicht anders und musste meiner geliebten Annika einen Antrag machen. Wir sind jetzt verlobt, haben uns aber noch nicht geeinigt, wer Mann und wer Frau ist, genauso wie wir uns immer noch nicht einig sind, wer jetzt die bessere Hälfte ist...

Romantischstes Daily Gruppenfoto ever...


Richtig indisch wird es auch im letzten Teil der Jubiläumsfolge: endlich schaffen es auch die Fünf Freunde richtig nach Indien und sehen das Taj Mahal, den Ganges, haben eine kleine Verspätung im Zug und trinken Darjeeling in Darjeeling. Aber dazu in der nächsten Folge!

Mittwoch, 6. Mai 2015

Fünf Freunde und ihre Reise nach Nordindien, Teil eins

Am 26. März machten Annika und ich uns auf den Weg nach Chennai zum Flughafen, um unsere Reise nach Nordindien anzutreten. Euch kommt es vielleicht so vor, als würde ich die ganze Zeit nur reisen, das stimmt so aber nicht. Wir waren zwar tatsächlich schon viel unterwegs, aber dafür haben wir meistens an mehreren Wochenenden durchgearbeitet, um die freien Tage dann zu einer ganzen Woche zusammenzunehmen. Unsere offiziellen 18 Urlaubstage haben wir nun alle zusammengenommen, um für knapp vier Wochen gen Norden zu fahren (oder eher zu fliegen). In Delhi sammelten wir dann noch mitten in der Nacht meine Kusine Anna-Lena und ihren Freund Daniel ein, die ihre Semesterferien nutzten, um uns besuchen zu kommen. Gegen fünf Uhr morgens kamen wir endlich im Youth Hostel an, wo wir auf Fiona trafen, die schon eine Freundin in Delhi besucht hatte. Fiona war für ein halbes Jahr Volontärin in einem Projekt ganz in unserer Nähe und wir haben uns in der Zeit oft getroffen. So waren wir komplett: wir sind die Fünf Freunde… (ich hoffe mal, die Mehrheit von euch kennt die wunderbare Kinderbuchreihe von Enid Blyton).
Hier mal eine kleine Vorstellung von links nach rechts: Ich (Julian), Annika (Anne), Fiona (Dick), Daniel (Timmi der Hund) und Anna-Lena (George)



Da ich euch mit ganz vielen Bildern beglücken möchte und manchmal schon von einem Tag einen seitenlangen Blogeintrag schreiben kann, werde ich unsere Reise in drei Teile teilen und auch nur über die Highlights berichten, schließlich bin ich schon bald wieder in Deutschland und will auch noch was zu erzählen haben ;) - die Fünf Freunde, Jubiläumsfolge, Teil eins

Fünf Freunde in der Hauptstadt- Delhi

An indischen Großstädten kannte ich bisher nur Chennai und Bangalore und die finde ich beide gar nicht berauschend (eher gesagt finde ich beide furchtbar). So hatte ich eigentlich wenig Lust auf Delhi, aber es gehört nun mal dazu und der Flieger aus Deutschland landete hier und so begannen die Fünf Freude ihre Abenteuer in Delhi.
Delhi überraschte mich ganz und gar positiv (vielleicht, weil ich aufs schlimmste eingestellt war). Es gibt eine supermoderne Metro, mit der man für wenig Geld schnell mobil ist und auch zu den meisten Sehenswürdigkeiten kommt. Außerdem gibt es auch tatsächlich spannende Dinge, die man sich anschauen kann (anders als in Chennai), weshalb wir gut beschäftigt waren. Eine ganz besondere Erfahrung in Delhi war der Besuch von Nizzamuddin. Nizzamuddin ist das islamische Viertel in Delhi und es versprüht eine ganz besondere Atmosphäre. Die Straßen sind schmal und vollgestopft, man sieht plötzlich unglaublich viele Metzger, verschleierte Frauen, Stände, die Tücher mit Bildern von Moscheen verkaufen. 

Das Viertel ist um den Schrein eines Sufi-Heiligen angelegt, den wir dann besuchten. Der Eingang ist ein kleines Tor und der Name, der im Reiseführer steht, steht da nirgends. Trotzdem schienen sich alle ganz sicher zu sein, dass wir genau durch diese schmale Tür treten sollten und so folgten wir einfach mal den Anweisungen der Besitzer der umliegenden Stände. Der schmale Durchgang führte zu einem schmalen, dusteren Gang, der sich in unübersichtlichen Kurven wand. Leute saßen am Rand und bettelten oder schliefen und ich fragte mich wirklich, wo wir jetzt hinkommen würden, als wir plötzlich auf einem Platz standen. In der Mitte stand der Schrein, ein Würfel aus Marmor. Es war Freitag und wir waren pünktlich zum Gebet gekommen. Obwohl wir ganz eindeutig Touristen waren, störte es keinen, dass wir da waren und zwischen Frauen mit Kindern auf dem Boden saßen und fasziniert die Reihen der Betenden beobachteten. Nach dem Gebet gingen Leute herum und verteilten Tee und Süßigkeiten, kurz bevor wir gingen, sahen wir, dass man sich auch noch für Essen anstellen konnte. Außerdem begann nach dem Gebet der Sufi-Gesang, wegen dem wir eigentlich gekommen waren. Wir saßen mit einer Menge Leute auf dem Boden und genossen die Atmosphäre, die herrschte: in der Mitte saßen die Musiker mit ihren Instrumenten und die Sänger. Einerseits herrschte ein kommen und gehen, andererseits waren alle auch ganz andächtig und ich fühlte mich wohl.



Mein zweites Delhi-Highlight kam am Sonntag: schon im Vorfeld hatten wir uns entschieden, eine Radtour zu machen, die mit 1850 Rupien (knapp 30 Euro) zwar für indische Verhältnisse echt teuer ist, aber von einigen Seiten hoch gelobt wurde. Um 6.30 morgens ging es los. Wir waren eine Gruppe von ungefähr zehn Leuten mit einem äußerst motivierten jungen Führer. Wir radelten durch Old Delhis kleine Gassen, was ich ein bisschen anstrengend fand: es war eher so ein stop and go, man muss eben Kindern, Ziegen, Barber-Shops und so weiter ausweichen (unsere Tour begann im Schlachter-Viertel. Da mussten wir zusätzlich noch Blutlachen und Männern mit halben Kühen auf den Schultern ausweichen). 
Trotzdem war es unglaublich interessant und schön. Außerdem war auch die Tour an sich wirklich gut: es wurde immer wieder an speziellen Punkten gestoppt und der Führer gab mit seiner begeisterten Art und Weise angenehm verpackte Infos von sich, von denen tatsächlich auch ein paar hängengeblieben sind. Abschluss fand unser Abenteuer im 'Karims', einer stadtbekannten Institution: die Gründer dieses Lokals bewirteten früher die Moguln und wollten nach dem Ende der Mogul-Herrschaft ihr Können mit dem gemeinen Pöbel teilen. Zu unserem Glück! Zum Frühstück gibt es nur eine Möglichkeit, nämlich frischgebackenes Naan und zwei deftige Currys, eins mit Lamm und ein vegetarisches. Das mag euch jetzt nicht so frühstücksmäßig erscheinen, aber wir sind schließlich schon gut drei Stunden durch Delhi geradelt… 







Fünf Freunde treffen den Dalai Lama –Dharamsala                                           

Mit dem Nachtbus von Delhi aus fuhren wir nach Dharamsala, einem kleinen Städtchen in den Ausläufern des Himalayas. In Dharamsala lebt seit den 60ern der Dalai Lama und mit ihm eine ganze Menge Tibeter. Wir kamen morgens früh um sechs an und kramten erst mal unsere Socken und Jacken raus. Willkommen im Himalaya und auf 1830 Höhenmetern! Unser Plan, uns erst mal in einem schönen Cafe aufzuwärmen und dann noch ein bisschen zu schlafen, wurde jäh durchkreuzt, als der Angestellte des Hotels uns erzählte, dass der Dalai Lama heute eine öffentliche Audienz geben würde. Wow! Damit hatten wir gar nicht gerechnet. Wir rannten also mit unseren Reisepässen in der Hand runter zum Kloster des Dalai Lama, um festzustellen, dass man sich eigentlich vorher anmelden muss (und dass man keine Taschen mitnehmen darf). Letztendlich haben wir Cafe-Besitzern unsere kompletten Wertsachen anvertraut, standen in vier verschiedenen Schlangen, konnten uns doch noch anmelden, wir wurden nass, kamen als unter den ersten im Audienzsaal an und hatten somit gute Plätze, warteten, froren, wurden von unseren Plätzen wieder vertrieben: Der Dalai Lama machte mit allen nach Ländern sortiert ein Foto (bei dem Fiona zufällig sogar seine Hand halten durfte! Falls Daniel jemandem von euch erzählt hat, dass ER die Hand gehalten hat: das ist gelogen!). Wen interessiert, was der Dalai Lama so erzählt hat, der kann es hier nachlesen.
Den restlichen Nachmittag verbrachten wir noch damit, Pullis zu kaufen und uns in schönen Cafés die Zeit zu vertreiben. Es war ziemlich kühl und ungemütlich draußen und regnete viel. Trotzdem arrangierten wir für den nächsten Tag eine Wanderung und nach einem Frühstück mit Omelet und tibetanischem (Lembas-)Brot machten wir uns auf den Weg. Die Landschaft war wunderschön, wir trafen sogar auf Schnee! 

Der unsportlichere Teil der Fünf Freunde (ich lasse jetzt mal offen, wer das ist…) zweifelte aber zwischendurch daran, jemals das Ziel, eine Hütte mit einem wunderschönen Ausblick auf 2900m zu erreichen. Aber alle fünf schafften wir es nach oben und dann auch über zugeschneite und rutschige Wege wieder nach unten. 

Der Beweis: alle da!
Abends zweifelte der unsportlichere Teil der Fünf Freunde übrigens daran, jemals wieder aus dem Bett aufstehen zu können. Den nächsten Tag verbrachten wir dann auch hauptsächlich in den hübschen Cafés Dharamsalas-solange ich mich nicht bewegte, hatte ich auch keinen Muskelkater. Treppen steigen war noch ein paar Tage lang ein Problem, doch hielt es vier der fünf Freunde nicht davon ab, sich in ein weiteres Abenteuer zu stürzen und mit einem Gleitschirm über die wunderschöne Landschaft zu fliegen. Ich bin immer noch der Meinung, dass die Fahrt zum Abflugpunkt gefährlicher war als der Flug an sich… 


Kurz vorm Abflug-ganz schoen kalt hier!


Fünf Freunde und der Dolch des Sikhs-Amritsar

Ich muss euch mal was verraten: die meisten Inder tragen keinen Turban. Im Süden sieht man wirklich nur zur Ausnahme Turbane. Der 'typische Inder', den uns viele Filme vermitteln und den auch ich im Kopf hatte, als ich kam, trägt eben einen kompliziert geschlungenen Turban und hat einen langen Bart. Das ist eindeutig ein Sikh! Der Sikhismus ist eine im 15. Jahrhundert als Gegenbewegung zum Hinduismus gegründete Religion. Es geht viel um Gleichheit und Gerechtigkeit. Nur 2% der Inder sind Sikhs, aber 70% der gemeinnützigen Einrichtungen werden von Sikhs betrieben. In Amritsar steht der Goldene Tempel, das höchste Heiligtum. Dank der Sikh-Philosophie werden in der riesigen Tempel-Küche täglich sechzig- bis achtzigtausend Menschen mit Essen versorgt und es gibt kostenlose Schlafplätze für Pilger.
Blick in die Tempelkueche...

...und den Speisesaal
Auch für westliche Besucher gibt es einen kostenlosen Dorm, der angeblich schon voll war, als wir ankamen. Die nette Dame, die uns den Weg gezeigt hatte, musste erst ihre Machtposition als irgendeine Mitarbeiterin vom Government spielen lassen (sie zückte sogar eine hübsche ID-Karte), bis der grimmig aussehende Sikh vor der Tür uns herein ließ.
Den ersten Tag verbrachten wir übrigens nach Bezug unseres Quartiers mit anderen Dingen: vier der Fünf Freunde machten sich auf den Weg Richtung Pakistan, während Daniel mit unserem Führer von der Fahrradtour in Delhi um die (Tempel-)Häuser zog- auch Indien ist ein Dorf. Die Grenzschließungszeremonie wird vom Reiseführer als Highlight angepriesen und wir waren uns nicht ganz sicher, was wir erwarten sollten. Bestimmt erwarteten wir aber nicht, dass sich die Autos auf dem Hinweg stauen, man allerlei Indien-Accessoires erstehen kann, fünfmal durch die Sicherheitsschleuse muss (und das gerade gekaufte Popcorn wieder abgeben)-und das alles für ein Theater, das ich irgendwie nicht ganz ernst nehmen konnte. Nun, die Inder (und bestimmt auch die Pakistanis auf der anderen Seite, die man von weitem sehen konnte) nahmen es dafür mindestens doppelt so ernst und versuchten, je die Gegenseite geräuschmäßig zu übertönen, ganze Familien tanzten zu patriotischen Liedern auf der Straße und die Soldaten der beiden Länder führte eine Art Tänzchen auf (ich war erinnert an die Prinzengarden an Fastnacht) und zogen schließlich schön langsam und kontrolliert die Fahnen herunter. Noch immer schwanke ich zwischen amüsiert und schockiert.

Die Grenzschliessungszeremonie zieht Menschenmassen an

Kann noch jemand ausser mir diese Gockel nicht ernst nehmen?
Den nächsten Tag widmeten wir dann ganz dem Tempel. Das Tempelgelände an sich ist riesig, der eigentliche Tempel besteht aber aus weißen Gebäuden, die den inneren Bereich einrahmen. In der Mitte ist ein künstlicher See, dessen Wasser als heilig und reinigend betrachtet wird. Und dann ganz in dessen Mitte steht er, der goldene Tempel. 




Die Atmosphäre ist ganz besonders und man kann wirklich lange einfach nur am Wasser sitzen und den Menschen zuschauen, die vorbeilaufen, ihre Kinder baden, im Schatten schlafen oder dem Gesang der Sänger lauschen, der über Lautsprecher übertragen wird. Um in den goldenen Tempel hineinzukommen, mussten wir uns erst mal zwei Stunden lang im Poweranstehen üben. 
Umfallen konnten wir die meiste Zeit nicht mehr und seinem Vorder- und Hintermann kam man näher als wohl manchem guten Freund. Trotzdem fühlte ich mich nicht so unwohl, wie man jetzt vermuten könnte und auch kein einziges Mal bedrängt oder so. Wir vertrieben uns die Zeit mit Lesen im Reiseführer oder mit dem Baby, das die ganze Zeit versuchte, sich den langen grauen Bart seines Opas in den Mund zu stopfen. Das Anstehen lohnte sich meiner Meinung nach schon. Im untersten Raum des Tempels war es noch sehr voll, aber weiter oben konnten wir uns hinsetzen und die Atmosphäre genießen. Auch wenn ich noch immer nicht durchschaut habe, an was die Sikhs jetzt genau glauben, genoss ich unseren Aufenthalt in Amritsar und die Gastfreundschaft, die uns entgegengebracht wurde!


-Wie es weitergeht könnt ihr dann in Teil zwei und drei lesen. Ich kann verraten: es bleibt spannend, geht um verwinkelte Forts, Kamele, Romantik und einiges mehr!-































Mittwoch, 29. April 2015

Happy Week

Jetzt eigentlich schon ziemlich veraltet, aber schon fertig und die Fotos sind trotzdem schoen: unsere Reise nach Hampi und Goa im Maerz. 
Ich bin uebrigens gut aus dem Norden zurueckgekehrt (vier Tage vor dem Erdbeben) und bin jetzt wieder im Projekt. 

Don't worry, be Hampi!

Nachdem ich meine einsame Woche gut überstanden hatte, fuhr ich Annika und ihrem Bruder Aaron am 1. März hinterher. Nach ein paar Problemchen mit dem Bus kam ich doch noch pünktlich in Chennai und stieg in den Zug nach Bangalore. Dort stieg ich in den Nachtzug nach Hampi um, wo ich auch Annika und Aaron traf. Morgens um sieben kamen wir und noch eine Menge anderer Touristen in Hospet an, wo sich zuerst mal eine ganze Meute Rikschafahrer auf uns stürzte-schon daran konnte man erkennen, wie viele Touristen hier unterwegs sind. Hampi ist ein Phänomen: Früher war Hampi die Hauptstadt eines Königreichs, dann wurde aber ein Krieg verloren und die Stadt erobert, geplündert, zerstört und geriet dann mehr oder weniger in Vergessenheit. Nun findet man auf einem riesigen Areal eine unüberschaubare Menge an Ruinen von alten Tempeln, Palästen und Basaren. Das ist aber noch nicht alles: Die Landschaft in Hampi sieht ein bisschen aus, als hätten Riesen vor vielen Jahren mit ihren Bauklötzen gespielt und wären dann zu faul gewesen, sie wegzuräumen. Ich lasse hier mal ein paar Bilder sprechen, ansonsten kann ich sagen: Wir sind auf Berge gestiegen und von Felsen in einen Stausee gesprungen, haben eine Fahrradtour gemacht und sind durch kleine Straßen zwischen den Reisfeldern gefahren. Wir haben interessante Leute kennengelernt (ach, und einen anderen Freiwilligen getroffen: 'Hey Annika, schau mal, der sieht ja aus wie der Bennet… Oh Annika, schau mal, das ist der Bennet!'), einem Elefanten beim Baden zugeschaut, wurden in einer Nussschale über den Fluss gerudert und haben zusammen mit Affen den Sonnenuntergang genossen. 











Happy Holi!

Am Mittwoch fuhren wir nachts weiter nach Goa. Nach mehreren Pannen, die in einen Buswechsel um drei Uhr nachts gipfelten, kamen wir dann auch gut in Anjuna an. Wer sich erinnert: wir waren schon mal in Goa, was ihr hier nachlesen könnt. Anjuna ist immer noch Anjuna, wir haben sogar wieder bei unserer Omi übernachtet, die uns wie immer jeden Abend fragte: 'You going patty tonight?' und 'unser' Drogendealer hat uns auch noch erkannt. Den Donnerstag verbrachten wir am Strand. Am Freitag war das Holi-Festival, das Frühlingsfest, mit dem (vor allem in Nordindien) das Ende des Winters gefeiert wird. Seit den letzten Jahren gibt es das Holi-Festival auch in Deutschland und ich war letztes Jahr dabei. Man beschmeißt sich mit Farbe und es kommt Techno-Musik. Ja, so viel anders war das Holi in Anjuna auch nicht. Die Leute haben einem Farbe ins Gesicht geschmiert, wollten einen alle umarmen und uns wurde gefühlte 2491 Mal ein Happy Holi gewünscht. Aus den Lautsprechern der Restaurants am Strand dröhnte Musik und das Bier floss in Strömen. Spontan begannen kleine Grüppchen am Strand eine Runde zu tanzen. Ja, es war schon ganz witzig, aber irgendwie auch nicht sooo spektakulär, wie man sich das in Deutschland vielleicht vorstellt. Richtig cool ist es glaube ich erst, wenn man wirklich in Nordindien ist, aber das war uns zu weit.







Donnerstag, 26. März 2015

Kleine Geschichten aus meinem indischen Alltag, Kapitel 11: Mein Geburtstag

Geburtstaghaben ist hier immer so eine Sache. Bei den Kindern fällt der Geburtstag mehr oder weniger unter den Tisch, die Mädchen ziehen sich schön an und beim Abendgebet wird ein Geburtstagslied gesungen, sonst ist aber nichts. Annika hatte zufällig am ersten Samstag im Monat Geburtstag, an dem immer ein großer Gottesdienst im Projekt ist. Dieser wurde kurzerhand zu ihrem Geburtstagsgottesdienst erklärt und wir wurden beide in superschicke und teure Saris gesteckt, bekamen beide einen Sari geschenkt und mussten beide auf die Bühne. Da hab ich mich schon gefühlt, als hätte ich auch Geburtstag und weil Annika und ich hier mehr oder weniger als eine Person angesehen werden, war das vielleicht abgehakt: Geburtstag der Freiwilligen gefeiert: check. Ich habe eh nicht so gerne Geburtstag (beziehungsweise stehe nicht gerne deshalb im Mittelpunkt) und hatte von Anfang an keine Lust auf so ein großes Brimborium. Am Wochenende vorher waren wir weg und kamen am Sonntagabend zurück und zufällig fiel das Thema auf Geburtstag. Der Gastvater meinte dann: Hey Sofia, du hast doch im März Geburtstag, wann nochmal? Als ich ihm dann lächelnd mitteilte, dass ich morgen Geburtstag hätte, war er ein bisschen peinlich berührt. Wir fuhren dann heim und ich war schon auf dem Weg ins Bett, als er mit einem Kuchen vor der Tür stand. An Annikas Geburtstag war er um elf (als wir, beide richtig müde, gerade beschlossen hatten, schlafen zu gehen) und hatte darauf bestanden, bis um zwölf zu warten. So hatte ich ein bisschen Angst, dass das wieder so sein würde- schließlich müssen wir unter der Woche morgens um sechs raus. War aber nicht, er lieferte nur den Kuchen ab und verzog sich dann bald wieder. Morgens kamen wir ins Projekt und als Shanti mir gratulierte, sprach es sich langsam herum. Ich wurde ständig gefragt, ob ich heute Geburtstag hätte und sagte manchmal ja und manchmal nein und freute mich über die verwirrten Gesichter. Als wir die Kinder über die Straße gebracht hatten, gingen wir heim und ich packte die Geschenke aus, die meine Familie dagelassen hatte und das von Annika, dann fuhren wir- Überraschung- nach Mahabs. Dort trafen wir uns mit einer Ex-Freiwilligen, sprangen ins Meer, aßen westliches Essen und ich bekam noch einen Muffin geschenkt. Danach gingen wir nochmal am Strand spazieren und fuhren dann wieder zurück. Hier ist es üblich, dass man an seinem Geburtstag eine kleine Süßigkeit oder so verschenkt und alle waren schon ganz neugierig, was es denn sein würde. Ich hatte den Kuchen mitgebracht (indische Kuchen sind irgendwie nicht so mein Fall), den ich dann in sechzig Stücke teilte (kauen war dann auch überflüssig) und außerdem ein paar Tafeln Milka (die so zerschmolzen war, dass man sie den Kindern regelrecht auf die Hand schmieren musste). Das wurde dann verteilt, nachdem die Mädels mir ein Geburtstagslied gesungen hatten ('Haaaappy Biiiiirthday Sofiakkasister'). Ja, dann arbeiteten wir ganz normal und das wars dann auch. Langweilig wurde mir zumindest nicht! 

Ich bin dann mal weg

Heute gehts los: vier Wochen Nordindien! Ich bin ein bisschen im Stress, deshalb nur kurz: macht euch keine Sorgen, falls ihr jetzt vier Wochen nichts von mir hoert :)
PS: ein Eintrag ueber Holi und Hampi ist schon laengst fertig geschrieben und soll mit ganz vielen Fotos unterlegt werden-das hat bis jetzt leider noch nicht geklappt.

Donnerstag, 19. März 2015

Die Woche allein oder: Mein Alltag, Teil zwei

Damit ihr nicht denkt, wir wären die ganze Zeit nur verreist (ok, wir sind in letzter Zeit schon ziemlich oft verreist), kommt hier mal der schon vor Monaten versprochene zweite Teil des Berichts über meinen Alltag. Falls ihr euch erinnert: Hier ging es um meinen Alltag im Projekt. Dort sind wir ja nur morgens und abends, sprich wir haben viel Zeit, die wir nicht im Projekt verbringen. Nach dem Besuch meiner Familie und unserem Camp kam Annikas Bruder zu Besuch. Annika holte ihn in Bangalore ab, während ich wieder nach Hause fuhr, weil ich keine freien Tage mehr hatte. Während die beiden ungefähr das gleiche gemacht haben wie ich mit meiner Familie, war ich eine Woche allein daheim und anhand dieser Woche will ich euch nun mal meinen Alltags außerhalb der Arbeit ein bisschen näher bringen. 

Montag: Ich war ja gerade von einer größeren Reise wiedergekommen, also stand erst mal waschen und putzen auf dem Plan. Waschen geht hier so: morgens legt man die Kleider, die man waschen will in einen Eimer, dazu gibt man ein bisschen Waschpulver. Man lässt die Klamotten ein paar Stunden einweichen und wäscht sie dann wieder aus: man füllt ein bisschen Wasser in einen anderen Eimer und knetet dann jedes einzelne Kleidungsstück im sauberen Wasser durch, das wiederholt man dann nochmal. Wie sauber die Kleidung danach wirklich ist, will ich gar nicht so genau wissen. Eine Waschmaschine besitzt hier kaum jemand. Waschen gehört hier zum daily life, ich wasche fast jeden Tag, weil ich erstens nicht so viele Outfits habe und es zweitens bei mehr Klamotten eben noch ätzender wird. Einmal in der Woche wischen wir auch unsere Wohnung mit dem Mob, wenn man das zu zweit macht, dauert es eine knappe Stunde, alleine ein bisschen länger.
Der Gastvater war am Samstag wegen verschiedener Leiden ins Krankenhaus gekommen und unsere Gastschwester hatte mich morgens gefragt, ob ich mitkommen will, um ihn zu besuchen. Sie meinte, dass sie mir nochmal Bescheid geben würde, aber so gegen 15.30 aufbrechen würden, wenn sie aus der Schule kommt (sie ist Lehrerin). Ich war also fast fertig mit putzen und überlegte mir gerade, was ich jetzt schönes machen könnte, um mich zu belohnen, als unser Fahrer vor der Tür stand. Ich verbot ihm dann zuerst mal, reinzukommen, weil er meistens barfuß rumläuft und ich ja gerade frisch geputzt hatte und das noch nass war… er war dann ein bisschen beleidigt und teilte mir mit, dass wir jetzt schon gehen würden. Na super! Ich machte schnell den Rest noch fertig und hatte nicht mal mehr Zeit zu essen. (Nix wars mit Belohnung) Dann fuhren wir zum Krankenhaus: erst mit einem Sammeltaxi, dann mit dem Bus und dann noch mit der Rikscha. Das Krankenhaus liegt echt am Ende der Welt und sieht von außen aus wie ein UFO. Den restlichen Tag verbrachte ich mit Shanti, dem Gastonkel und seiner Frau und seiner kleinen Tochter, unserer Gastschwester Arlene, dem Fahrer, drei Mädchen und natürlich dem Gastvater im Krankenzimmer. Eine Krankenschwester oder gar ein Arzt kam die ganze Zeit nicht rein. Ich las die meiste Zeit und war froh, als wir gingen- um neun Uhr abends…

Dienstag: Wie ihr vielleicht schon mitgekriegt habt, haben wir kein Internet im Haus. Es gibt durchaus die Möglichkeit, sich einen Internetstick zu kaufen und ich habe ja auch meinen Laptop dabei, aber Annika und ich haben uns bewusst dagegen entschlossen, um unseren Internetkonsum besser regulieren zu können, für Notfälle hat Annika auch ein Smartphone. Anfangs waren wir dann immer im Internetcafe, was aber nicht sonderlich schön ist und es ist einfach angenehmer, am eigenen PC zu arbeiten und alles parat zu haben. Seit einiger Zeit haben wir deshalb angefangen, ungefähr einmal in der Woche mit dem Laptop nach Mahabs zu fahren. Mahabs (eigentlich heißt das Mamallapuram, früher hieß es Mahabalipuram) ist ein Dorf zwanzig Kilometer nördlich von uns. Der ECR-Bus, der zwischen Chennai und Pondicherry verkehrt, hält da und wir können innerhalb von zwanzig Minuten von Busstand zu Busstand kommen. Von uns zum Busstand in Kalpakkam braucht man circa fünf Minuten, in Mahabs muss man noch zwanzig Minuten ins Dorf laufen. Vor langer Zeit war Mahabs mal ein sehr bedeutender Handelsort, sogar mit den Römern wurde Handel getrieben, und es gibt ein paar Tempel, die man sich anschauen kann. Außerdem liegt es am Meer und es gibt einen schönen Strand. Aus diesen Gründen haben sich dort eine Menge Shops, Cafes und Guest Houses angesiedelt und es gibt viele Touristen. Für uns ist das ganz angenehm: ab und zu hat man Lust auf europäisches Essen, Kaffee und darauf, mal nicht wegen seiner Hautfarbe als etwas Besonderes gesehen zu werden. Weil wir schon so oft in Mahabs waren, kennt uns dort fast jeder und wenn wir die Straße entlang laufen, werden wir von allen begrüßt. Wir haben unser Stammcafe, wo die Kellner schon wissen, was wir bestellen und uns, wenn wir mal mehr als eine Woche nicht kommen, fragen, wo wir denn waren. Ich eröffne dann immer mein Office und bleibe eben von elf bis drei da sitzen, beantworte Mails, trinke Kaffee (letztens ist die Kaffeemaschine kaputt gegangen!! Ein richtiges Drama! Das Ersatzteil ist schwierig zu organisieren und wir wissen nicht, wann sie wieder funktioniert) und Fruchtsaft und esse Cheese Tomato Omlette. Ja, das war pretty much mein Dienstag. 

Mittwoch: Am Mittwoch war ich faul. Nach zwei Wochen reisen war ich auch einfach total erschöpft und die beiden Tage davor hatte ich auch keine Zeit, mich mal zu entspannen. Also verbrachte ich den Mittwoch damit, einen Kluftinger-Krimi zu lesen, den ich im FSL-Center mitgenommen hatte. Ja, ich las, ich schlief, ich aß und las dabei, dann um vier ging ich noch schwimmen. Manchmal gehe ich nämlich spazieren, durch die Reisfelder, und bei einem meiner Spaziergänge habe ich vor ein paar Wochen ein Schwimmbad entdeckt. Es ist nicht besonders groß und ich teile mir das Becken meistens mit ein paar Fröschen und Wasserspinnen, aber für meine Zwecke ist es ok. Ich habe mir dann extra aus Deutschland einen Badeanzug mitbringen lassen und Shorts und versuche nun, zweimal in der Woche eine halbe Stunde schwimmen zu gehen. Dafür fahre ich zuerst ein kleines Stück mit dem shared auto (das könnte man eigentlich auch laufen, aber es ist nicht so cool, an der East Coast Road entlang zu laufen, weil da immer die Laster und Busse fahren) und laufe dann noch zehn Minuten über eine kleine Straße von der ECR weg. Das Schwimmbad wird von einem Opi betrieben und ich zahle 50 Rupies dafür, dass ich eine halbe Stunde schwimmen gehe (Der Kurs ist glaube ich gerade bei 1:67). Meistens bin ich alleine (zum Glück, das Becken ist nämlich echt nicht so groß). Über meinem Badeanzug habe ich eben solche Männershorts und ein T-Shirt. Mein Schwimmstil würde wahrscheinlich jedem, der ein bisschen was davon versteht, nur ein müdes Lächeln abringen (ich komme mir meistens eher vor wie ein Hund, der so vorwärts paddelt), aber mir tut es gut, mich zu bewegen. Ich hatte auch mal gedacht, dass ich hier joggen gehen könnte, aber dazu ist es einfach zu heiß (morgens und abends würde es gehen, aber da arbeiten wir ja) und außerdem macht das hier keiner und ich würde mir ganz schön komisch vorkommen. Schwimmen als Sport tut zwar auch keiner, aber da sieht mich dann auch niemand, von dem her ist das ok. Ich bin jetzt ja wirklich keine Sportskanone, aber nachdem ich mich ein paar Monate lang wirklich kein bisschen bewegt habe, habe sogar ich gemerkt, dass ich jetzt mal was machen muss und genieße das Schwimmen wirklich. Im Projekt habe ich noch nicht erzählt, dass ich manchmal schwimmen gehe. Ich bin mir sicher, dass sie das nicht so cool fänden. Die meisten Inder können noch nicht mal schwimmen und dieses Sport-als-Ausgleich-Konzept ist hier noch nicht angekommen. Bei uns auf dem Dorf macht eigentlich keiner gezielt Sport, vor allem Frauen nicht, Jungs und Männer sieht man manchmal Kricket oder Volleyball spielen.

Donnerstag: Nach der Arbeit fuhr ich in die Stadt, um im Internetcafe ein paar Sachen auszudrucken und ein paar Sachen einzukaufen. Ich wollte eigentlich auch noch zum Ayurveda-Arzt, weil ich hier leider wieder richtig unreine Haut bekommen habe und ich nun beschloss, da mal was dagegen zu unternehmen. Die Ärztin war leider nicht da, genau wie der Taschen-Schneider, weil mein kleiner Tagesrucksack, den ich in Goa gekauft habe, mal wieder kaputt war. Mit dem blöden Ding war ich schon dreimal beim Schneider, der mir jetzt immer zuwinkt, wenn ich vorbei komme. Kalpakkam ist eine Kleinstadt (ich hab keine Ahnung, wie viele Einwohner es hat). Ursprünglich waren das zwei kleine Dörfer, die zusammengewachsen sind, als das Atomkraftwerk gegründet wurde. Ja, wenn man am Meer entlang aus der Stadt rausfährt, dann kommt da das Atomkraftwerk. In Kalpakkam kann man das meiste einkaufen, es gibt verschiedene Kleidungsgeschäfte, Ärzte etc- wir sind also gut versorgt. Kalpakkam liegt knapp fünf Minuten mit dem shared auto von uns entfernt (falls gleich eins kommt). Ein shared auto ist übrigens eine große Rikscha. Die shared autos haben feste Strecken, die sie immer abfahren. Man steht dann an der Straße und winkt es heran und an der passenden Stelle sagt man Bescheid und wird dann rausgelassen. Gemütlich passen hinten sechs Leute rein und vorne noch zum Fahrer einer dazu, unser Rekord waren bis jetzt 16 Leute in einem shared auto (das ist dann nicht mehr so gemütlich). Eine Autofahrt nach Kalpakkam oder zum Projekt kostet 5 oder 7 Rupien. Eine Busfahrt nach Mahabs kostet 11 Rupien.
So sieht eine Rikscha aus :)
 Den restlichen Donnerstag wuselte ich so herum, pedikürte mir die Füße, übte Gitarre, schaute eine Folge Dr. House und schrieb Tagebuch. Außerdem hatte ich eine Wassermelone gekauft, die zurzeit überall an der Straße verkauft werden. Ich hatte mir eine kleine ausgesucht und 10 Rupien dafür bezahlt und aß den ganzen Tag daran. Anscheinend sind Wassermelonen ein Anzeichen dafür, dass der Sommer kommt: nach der Regenzeit und dem 'Frühling', mit recht angenehmen Temperaturen und immer einem frischen Lüftchen, kommt jetzt langsam der Sommer. Ich weiß nicht, wie warm es ist, aber es ist schon recht heiß und ich schwitze quasi ständig. Das soll allerdings noch nichts sein und noch viiiiel heißer werden im April und im Mai- ich bin gespannt, wie wir das verkraften.
Freitag: Ich ging morgens wieder schwimmen und danach nochmal in die Stadt: diesmal tatsächlich zum Ayurveda-Arzt. Die Frau stellte mir ein paar Fragen und verschrieb mir eine Menge Zeug. Bis jetzt haben meine Tabletten, der Saft, die Paste und die tägliche Gesichtsmaske allerdings noch keinen Erfolg gezeigt. Danach hab ich noch meinen Rucksack flicken lassen und dann bin ich wieder nach Mahabs gefahren. Ich verbrachte wieder die meiste Zeit im Cafe und schrieb diesmal Tagebuch. Die Kellner lachen mich schon aus, weil ich immer so busy bin, selbst wenn ich im Cafe sitze. Danach klärte ich noch, dass Lou und ich am nächsten Tag in dem günstigen Hotelzimmer übernachten können, wo wir in der Woche vorher auch waren. Meine Mama hatte an dem Tag Geburtstag und ich telefonierte noch eine Weile mit ihr, was der eine Kellner mitbekam und gleich mal Grüße ausrichtete, weil ich natürlich meine Familie auch in das Cafe geschleppt hatte. An meinem Geburtstag habe ich auch mit meinen Eltern geskypt und die Kellner sind immer mal wieder im Hintergrund vorbeigesprungen, um hallo zu sagen. Ansonsten war es unspektakulär, aber schön.



Mittwoch, 11. März 2015

Abenteuer Indien

Hier wie schon angekündigt, exklusiv und ungekürzt: Ein Eindrucksbericht meiner Eltern!


Dank unserer hervorragenden Reiseleiterin Sofia haben wir die Indienreise nicht nur unbeschadet überstanden, sondern auch genossen. Gleich auf dem kurzen Weg vom Flughafen zum Hotel wurden wir in die Gepflogenheiten der Toilettenbenutzung eingeführt, es gibt nämlich in Indien kein Klopapier, sondern Wasser und die linke Hand. Dementsprechend isst man mit der rechten Hand (ohne Besteck) und man sollte es tunlichst vermeiden, die Hände zu verwechseln. Genauso sollte man es auch vermeiden mit der linken Hand zu bezahlen oder sonstiges. Das alles lernten wir in den ersten 10 Minuten, nachdem wir Sofia wieder in die Arme schließen konnten, ein schönes Wiedersehen mit unserer indischen Tochter.
Für uns war die Reise wie ein Sprung ins kalte Wasser, es war ein Eintauchen in eine faszinierende Welt, die so anders ist als unsere. Indien ist laut, in den 12 Tagen gab es keinen Moment, in dem man nichts gehört hätte, in den Städten tobt Tag und Nacht der Verkehr mit viel Hupen, aber auch auf dem Land hört man Hunde, Stimmen, Mopeds und wenn es wirklich mal ruhig wäre, rauscht der Deckenventilator. Als wir wieder zu Hause waren, wurde uns das so richtig bewusst, als plötzlich totale Stille herrschte und, wir müssen es gestehen, uns der Geräuschpegel richtig fehlte. Indien ist dreckig, Frank sagte immer, Indien ist eine einzige Müllkippe. Wenn man etwas entsorgen will, muss man es schon eine Weile mit sich tragen, bis man einen Mülleimer findet. Indien ist chaotisch, der Verkehr ist für unsere Begriffe ein einziges ungeregeltes Chaos, jeder fährt und hupt und trotzdem kommen alle vorwärts. Eine Straße zu überqueren ist schon für sich ein Abenteuer. Und trotz allem ist dieses Land nicht abstoßend, sondern absolut beeindruckend und faszinierend. Es ist schön den Menschen in die Gesichter zu gucken, viele haben große Augen, die uns genauso neugierig mustern, wie wir sie. Wir sind als Familie mit halbwüchsigen Kindern sehr aufgefallen und sind oft gefragt worden, ob wir eine Familie sind und ob Sofia und Charlotte Zwillinge sind. Überhaupt kennen die Inder keine Zurückhaltung, sie fassen einen auch gerne mal an, lassen sich für ihr Leben gerne fotografieren und freuen sich, wenn man ihnen das Foto zeigt. Was uns auch gut gefallen hat, war die Farbenvielfalt, die sich vor allem in der Kleidung der Frauen widerspiegelt. (Während sich viele Männer, statt eine Hose zu tragen, nur ein Tuch umbinden, das uns an Geschirrtücher erinnert.) Die erwachsenen Frauen tragen alle Saris in vielen bunten Farben und in dem Bundesstaat Tamil Nadu, in dem Sofia lebt, haben viele Frauen einen Blumenkranz in den Haaren, den man überall an der Straße kaufen kann. Auch die Vielfalt der Religionen hat uns beeindruckt, oft stehen Moschee, Kirche und Tempel auf engstem Raum nebeneinander und jeder lässt dem anderen seine Religion. In den Hindutempeln herrscht immer fröhliches Treiben, Andersgläubige sind gerne gesehen, die Tempel werden vielseitig genutzt als Begegnungsstätte, man kann sich auch in die Ecke legen und ein Nickerchen machen (die Inder können sowieso immer und überall schlafen), es gibt Essensstände, falls einen der Hunger plagt und natürlich ist es auch ein heiliger Ort, an dem sehr intensiv gebetet wird oder irgendwelche Zeremonien stattfinden. Es gibt immer einen inneren Bereich, in den man als Nicht-Hindu nicht herein darf, aber ansonsten kann man sich frei bewegen und die Stimmung ist sehr schön.
Ich bin Sofia sehr dankbar, dass wir durch sie dieses Land kennenlernen konnten und es war schön zu erleben, wie souverän sie sich dort bewegt und mit den Menschen umgeht. Man hat bei ihr das Gefühl, sie ist dort angekommen (auch wenn es sicher manches gibt, was sie nervt). Für uns war sie auf jeden Fall eine tolle Reiseleiterin, so dass wir uns immer wohl und sicher gefühlt haben, danke! Das ist ein Beitrag von Sofias Mutter.  

Jetzt kommt Sofias Vater
Mich hat Indien so mitgenommen und beeindruckt, dass ich nach einer Woche Deutschland nachts nicht mehr regelmäßig von Indien träume oder aufwache und mir überlege, in welcher indischen Stadt wir uns gerade befinden. Mich lassen auch die Gerüche und Geräusche nicht los so dass ich manchmal in unsere Küche gehe und an den Gewürzen, die wir mitgebracht haben, rieche. Es erinnert mich dann ans Einkaufen, die Menschen, das Essen…. . Heute habe ich längere Zeit mit einem meiner Neffen geredet, der letztes Jahr in Brasilien war und oft kam heraus, anderes Land, andere Sprache, gleiche Erlebnisse.
Mich hat sehr interessiert, wie die Menschen arbeiten und so will ich einige eindrückliche Dinge beschreiben. Ich habe während der ganzen Reise nur einen einzigen Baukran gesehen. Das war auf einer Großbaustelle in Chennai. Ansonsten wurde auf jeder Baustelle alles ohne Maschinen bewegt. Ich sah oft Frauen mit einer Plastiktüte als Kopftuch. Sie hatten flache Blechschüsseln auf dem Kopf mit der sie Sand, Mörtel oder Beton umeinander getragen haben. Manche barfuß, die meisten mit Sicherheitsschuhen, das heißt Badelatschen.
Ich sah eine Ziegelei in der die ganzen Ziegelsteine von Hand gestapelt wurden.
Wir waren auf einem Großmarkt für Reis. Da wurden LKWs mit 75 kg Säcken Reis beladen. Die Arbeiter benutzten Haken und trugen die Säcke auf ihrem Rücken über eine Behelfstreppe aus vollen Säcken auf zum Teil abenteuerlich aussehende Lastwagen, ungefähr 18 Tonnen pro Fuhre. Aufladen und auch wieder abladen. In den Ruhepausen benutzten sie dann ihre Handies und gaben uns ihre E-Mail Adressen und baten um die Zusendung der Bilder, die wir von ihnen gemacht haben.
Ich habe Indien als sehr friedliches Land empfunden, Angst hatte ich nur beim Überqueren der Straßen, das aber nicht nur einmal. Ansonsten gab es keine Situation in der wir um unser Gepäck gefürchtet oder uns bedroht gefühlt haben. Wobei wir auch sehr vorsichtig waren.
Ich konnte mich stundenlang in den Marktvierteln umschauen und das Obst- und Gemüseangebot anschauen. Die Händler saßen meist auf dem Boden und hatten eine Balkenwaage mit zwei Gewichten: 0,5 kg und 1 kg. So haben sie dann ihre Waren in gewogen. Keiner hatte irgendein Preisschild und man musste immer feilschen. Wir haben dann Sofia vorgeschickt, sie kann das sehr gut. Als sie nicht mehr dabei war konnten wir dann es selbst probieren, aber uns ist es lange nicht so gut gelungen. Durch die Schar der Kunden und anderen Fußgänger schlängelten sich dann Motorräder, Motorrikschas und diverse Kühe. Es war überall Trubel und es ist glaube ich unmöglich in Indien keine Menschen um sich zu haben.