Dienstag, 23. Dezember 2014

Froehliche Weihnachten!

Ich kann es gar nicht fassen: Jetzt ist schon fast Weihnachten! Die Zeit vergeht hier wirklich so unglaublich schnell, gleichzeitig kommt es mir vor wie gestern, dass wir in Deutschland bei uns im Hof sassen und gegrillt haben. Nun beginnt schon ein neues Jahr und in drei Wochen ist auch schon die Haelfte des Jahres vorbei (falls ich nicht doch noch zwei Wochen laenger bleibe). Bis jetzt geht es mir noch sehr gut und das Weihnachtsheimweh hat mich noch nicht gepackt, ich hoffe, das bleibt auch so. Wir haben auch schon ordentlich fuer Weihnachtsstimmung gesorgt, Annika und ich zuenden immer die Kerzen an unserem Adventskranz an, essen Plaetzchen und singen Weihnachtslieder und am Samstag haben wir mit zwei Freundinnen auch schon Vor-Weihnachten gefeiert und gesungen und Kekse und Schokolade gegessen. Natuerlich ist es am schoensten, Weihnachten daheim zu verbringen und ich vermisse meine Familie schon mehr als sonst, aber ich finde es auch sehr schoen, hier zu sein und eine ganz neue Art, Weihnachten zu feiern, kennenzulernen. Trotzdem bin ich auch ein bisschen froh, wenn wir die ganze Zeit erfolgreich ueberstanden haben und im neuen Jahr wieder alles seine gewohnten Bahnen geht!  Die Feiertage werden wir im Projekt verbringen und Silvester feiern wir mit anderen Freiwilligen in Pondicherry, dazwischen fahren wir noch fuer ein paar Tage nach Trichy. Natuerlich bekommt ihr einen ausfuehrlichen Bericht ueber unsere bestimmt sehr andere Weihnachtsfeier, wenn ich wieder da bin. Fuer dieses Jahr bin ich jetzt wahrscheinlich das letzte Mal im Internet-Cafe, seid mir also nicht boese, falls ich euch nicht so schnell antworte! 





Somit verabschiede ich mich fuer dieses Jahr, ich wuensche euch allen schoene Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr! 

Dienstag, 9. Dezember 2014

Kleine Geschichten aus meinem indischen Alltag, Kapitel 7 und 8


Kapitel 7: Unser Umzug

Am Sonntag kamen wir völlig erledigt von der Reise aus Goa nach Hause und das erste, was der Mann am Kiosk zu uns sagt, ist: "Wurde euch gesagt, dass ihr morgen umzieht? Ich ziehe in eure Wohnung". Man muss dazu sagen, dass die Hintertür zu seinem Kiosk in unsere alte Wohnung ging und außerdem seine Frau schwanger ist. Uns hatte natürlich keiner was gesagt und wir dachten uns nichts weiter dabei. Am Montag fragten wir im Projekt nochmal nach und Shanti druckste nur so herum und meinte, unser Gastvater würde am Vormittag vorbeikommen und uns alles erklären, aber wir würden in eine größere Wohnung umziehen, aber er wolle uns das erklären. Wo diese Wohnung sein sollte, hat sie uns auch nicht so richtig beantwortet. Der Gastvater tauchte nicht bei uns auf, dafür kündigte der Kioskbesitzer an, dass er um drei umziehen wolle. Da wir nur widersprüchliche Informationen bekommen hatten, beschlossen wir einfach, so zu tun, als wäre nichts, bis jemand kommen würde und uns alles erklären. Wir schauten gerade einen Film, als eins der Mädels bei uns an der Tür klingelte und strahlend verkündete: Sister, cleaning! Sie sammelte unsere (wenigen) Putzutensilien ein und ging zwei Türen weiter: das war also unsere neue Wohnung. Wir waren wirklich froh, dass wir nicht ganz aus unserer Nachbarschaft wegziehen mussten, auch wenn es nicht ganz leicht ist, mit den Nachbarn zu kommunizieren, haben wir uns doch schon ganz gut an sie gewöhnt und sie sich wahrscheinlich auch an uns. Als wir einen Blick in die Wohnung warfen, sahen wir eine ganze Putzkolone, die das Haus säuberte. Wir packten dann unsere Sachen und verbrachten den restlichen Tag damit, das neue Haus einzuräumen. Wir sind hier wirklich glücklich, die Wohnung ist nämlich größer und offener und heller (wahrscheinlich gar nicht mal so viel größer, aber wenn man vorher zu zweit auf zehn Quadratmetern gewohnt hat und jetzt auf 13, erscheint einem das eine Menge mehr. 

Zum Vergleich: Altes Zimmer...
...und  neues Zimmer! An der Wand sammel ich uebrigens Postkarten. Es ist noch jede Menge Platz! :)

Kapitel 8. Wir sagen euch an den lieben Advent

Keine so lange Geschichte, aber hier ein Bild von unserem improvisierten Adventskranz
Leider waren wir auch insgesamt ein bisschen spät dran, sodass wir ihn am Freitag nach dem ersten Advent überhaupt erst gemacht haben, dafür haben wir ihn dann aber auch mit ein paar Adventsliedern eingeweiht. 





Freitag, 5. Dezember 2014

Another Day in Paradise-unsere Reise nach Goa

An alle, die sich wundern, warum ich mich in den letzten Wochen so wenig gemeldet habe: es tut mir leid, ich war äußerst beschäftigt (damit, am Strand zu liegen…). Falls ihr die Vorstellung vertragen könnt, dass ich, während ihr im grauen deutschen Winter sitzt, am Strand lag, dann lest jetzt weiter… Falls ihr nur wissen wollt, wie es mir gefallen hat, könnt ihr auch ganz runter zum Resümee scrollen ;)

Annika und ich sind am 18. November zu unserer bislang längsten Reise aufgebrochen. Morgens um sieben gingen wir aus dem Haus und trafen uns in Chennai mit unserer Koordinatorin Rubini und den anderen Freiwilligen. Wir fuhren zusammen zu unserer Quarterly Evaluation, dem FSL-Camp nach drei, in unserem Fall fast vier, Monaten. 

Zugfahren indian style: Beine baumeln lassen und Fahrtwind geniessen
 Zum Camp gibt es nicht so viel zu sagen, inhaltlich kam nicht so viel dabei rum (eine Aufgabe war zum Beispiel, sich nochmal darüber klar zu werden, warum man ein Freiwilligenjahr in Indien verbringt. Ja Mensch, da hab ich mir echt noch nie Gedanken darüber gemacht!), aber es gab nicht so viel Programm und dadurch viel Zeit für Gespräche mit Freiwilligen, die man teilweise seit dem Arrival-Camp nicht mehr gesehen hat.

Nach dem Camp zog gefühlt die halbe Freiwilligengruppe weiter in den Norden, um noch zwei gemeinsame Tage am Strand zu 
verbringen. Wir fuhren nach Gokarna, ein kleines Dörfchen im Norden Karnatakas. Gokarna steht wohl an der Schwelle, ein verlängertes Goa zu werden: An den Stränden wachsen langsam Restaurants und Strandhütten und man kann den ganzen Tag über Bier bestellen (für Indien sehr untypisch. Hier kann man in den meisten Bundesstaaten in einem normalen Restaurant gar keinen Alkohol bestellen, sondern muss ihn in einem speziellen Kiosk kaufen. Diese Kioske sind wirklich so gar nicht verlockend: kleine, komplett vergitterte Hütten, vor denen sich die Männer scharen. Manche hängen so richtig von außen an den Gitterstäben, dass man das Gefühl hat, als wäre es ein Gefängnis (oder ein Affenkäfig), nur dass die Männer auf der falschen Seite stehen Als Frau taucht man da besser gar nicht auf). Trotzdem ist alles noch sehr ruhig und familiär und der Strand wunderschön. Eigentlich hatten meine Mitfreiwillige Annika, Katrin (eine andere Freiwillige, die in Karnataka wohnt) und ich geplant, gleich nach dem Camp nach Goa zu fahren, aber letztendlich waren wir froh, dass wir noch mit den anderen mitgegangen sind und zwei schöne Tage mit Baden, Essen und Reden verbracht haben. 

Am Sonntag nahmen wir dann abends den Zug und fuhren Richtung Goa. Zu unserem Glück war im gleichen Abteil wie wir eine Gruppe aus verschiedenen europäischen Familien, die auch nach Palolem, ein Strand im Süden Goas, wollten, weil sie da in der Nähe wohnten. In indischen Zügen gibt es keinerlei Durchsage, wo man sich gerade befindet und auch am Bahnhof sind nur manchmal Schilder auf denen steht, wie die Haltestelle heißt. Wir hatten ein bisschen Sorge, den Ausstieg zu verpassen, aber der polnische Familienvater neben mir hatte einen richtigen Durchblick und so war alles kein Problem. Die polnische Familie teilte sich dann sogar noch mit uns ein Taxi und erzählte uns, dass Patnem, der Strand neben Palolem, eigentlich viel schöner und vor allem auch viel günstiger sei. So änderten wir spontan unseren Plan und die Familie lieferte uns gegen halb neun im Round Cube ab, einem Restaurant, das auch günstige Zimmer vermietet. Die einzigen verfügbaren Zimmer kosteten dann allerdings 800 Rupien pro Nacht, das sind zehn Euro. Da man in Indien auch für die Hälfte ein gutes Zimmer bekommen kann, beschlossen wir noch weiter den Strand hinunterzulaufen. Der eine Kellner meinte zwar, dass es unwahrscheinlich wäre, etwas günstigeres zu finden, gab uns aber einen Tipp, wo es noch etwas unserem Budget angepasstes geben könnte: In Mickeys Naughty Corner, wo wir tatsächlich dann eine Hütte aus Sperrholzplatten ohne Strom für 400 Rupien bekamen. Einer musste auch auf dem Boden schlafen, aber wir waren glücklich, eine günstige Bleibe gefunden zu haben.

Weil die Kellner im Round Cube aber so nett waren (und wir unseren Triumph zeigen wollten: entgegen seiner Vermutung hatten wir noch was günstigeres gefunden!), gingen wir wieder an den Anfang des Strandes und aßen dort. Dann tranken wir noch Cocktails und schrieben Tagebuch und waren am Ende die letzten Gäste im Lokal. Anstatt uns aber rauszuschmeißen, setzten sich die Kellner zu uns und wir unterhielten uns nett. Wir fühlten uns im Round Cube und am Patnem Beach letztendlich so wohl, dass wir statt einer geplanten Nacht zwei Nächte blieben und auch immer nur im Round Cube aßen. Wir freundeten uns gut mit den Kellnern an und hatten eine Menge Spaß. Hätte Katrin nicht am Mittwoch den Zug nehmen müssen, weil sie nicht so viele Tage freihatte, wären wir vielleicht auch noch länger geblieben.
 
Patnem bei Nacht
Da Katrins Zug morgens sehr früh ging, verbrachten wir eine Nacht in Margao (keine besonders schöne Stadt), und Annika und ich fuhren am Mittwoch weiter nach Anjuna. Mittwochs ist in Anjuna Flea Market: Ein riesiger Markt, auf dem man (und vor allem frau) von Schmuck über Kleidung und Taschen bis zu Tagebüchern alles findet, was das Herz begehrt. Wir stürzten uns ins Getümmel und ließen stundenlang die Eindrücke auf uns einströmen, handelten, was das Zeug hielt und waren sehr erfolgreich (ich habe echt nur nützliche Dinge gekauft, zum Beispiel einen Schal aus Yakwolle. Ihr lacht jetzt bestimmt und sagt, dass ich ihn nie benutzen werde. Aber HA! Ich konnte ihn auf der Heimfahrt im klimatisierten Bus schon gut gebrauchen!).
 
Übrigens haben wir auch in Anjuna wieder eine supergünstige Unterkunft gefunden: diesmal sogar für 300 Rupien, und Strom gab es auch. Wir waren auf der Suche nach einem Zimmer und waren schon kurz davor, ein teures für 500 Rupien zu nehmen, als uns eine alte Frau, die in ihrem kleinen Geschäft saß, ansprach, ob wir ein Zimmer suchen würden. Sie hatte so eine Hütte im Garten, in der zwei Betten standen. Perfekt!

Anjuna ist eine Art Ballermann für Russen. Mindestens die Hälfte der weißen Touristen, die in knappen Bikinis am Strand lag, kam aus Russland. Speisekarten sind oft auch auf Russisch und auf dem Markt wurden wir ständig auf Russisch angelabert. Außerdem gibt es in Anjuna eine Menge Partys am Strand. In Goa gibt es eigentlich ein Gesetz, das laute Musik nach 22 Uhr verbietet, aber einige Bars scheinen sich mit den Polizisten angefreundet zu haben oder ignorieren die Regel einfach dreist, jedenfalls muss man einfach nur den Strand entlang laufen und findet eine Party. Das haben wir dann auch die drei Nächte, die wir da waren, ausgenutzt. Allerdings gibt es keinerlei musikalische Variation: es kommt immer nur diese Goa-typische Electro-Trance-Musik, also sozusagen ein Beat, der sich die ganze Zeit lang nicht verändert. Gebt mal bei Youtube Goa ein… Sowas. Und zwar die ganze Zeit! Da steh ich ja mal so gar nicht drauf…Was in Anjuna auch eine große Rolle spielt, sind Drogen (Goa wird ja oft automatisch mit Kiffen verbunden- ein Klischee, das zumindest in Anjuna zutrifft). Als wir am Tag unserer Ankunft zum Strand runtergelaufen sind, haben wir ungefähr zehn Angebote bekommen, Drogen zu kaufen. Das läuft so: Man läuft die Straße entlang, die von diesen typischen Touristen-Straßenständen, an denen Strandkleidung und weite Hosen und Hemden verkauft werden (was der Westen so als typisch indisch sieht, aber da kommt mal ein eigener Post dazu). Die Verkäufer stehen meist davor herum und kommen dann näher, um einem ins Ohr zu raunen: "Weed? Marrrrijuanaa? Haschiiiisch? Mushrooms I also have" Ich fand das jedes Mal irre lustig und bin lachend weitergelaufen (keine Sorge, Annika und ich waren sehr vernünftig). Die meisten anderen Besucher konnten der Versuchung aber wahrscheinlich nicht so gut widerstehen wie wir und-hier kommen wir zum Zusammenhang zwischen Drogen und Musik- fanden diese meiner Meinung nach ganz fürchterliche Musik richtig cool. 
Von Anjuna aus machten wir am Donnerstag einen Ausflug nach Old Goa, wo uns eine Überraschung erwartete- dazu gibt es mal noch einen extra Blogeintrag, weil das hier jetzt schon den Rahmen sprengt. Den Freitag verbrachten wir am Strand. Anjuna ist vom Strand her echt nicht so schön wie Patnem, vor allem, weil es richtig viele Felsen gibt (was wir an unserem ersten Tag dort unsanft herausfinden mussten: wir wollten abends noch baden gehen und liefen ins Wasser. Zuerst dachten wir, die Felsen wären nur an einer Stelle, aber wir staksten dann eine Weile herum und sie waren überall. Irgendwann verlor ich das Gleichgewicht und platschte unsanft ins Wasser. Tja.), aber es gibt doch auch ein paar Stellen ohne. Außerdem chillten wir eigentlich die meiste Zeit in so einem coolen Zelt.

Am Samstag gönnten wir uns noch ein leckeres Frühstück (überhaupt haben wir die ganze Zeit so geschlemmt… da ging echt das meiste Geld für drauf!) und gingen dann nach Panaji, von wo aus unser Bus abends fuhr. Wir spazierten den Nachmittag über in der hübschen, mediterran angehauchten Altstadt herum und machten uns dann an den 24 Stunden langen Heimweg. Der Bus war, wie oben schon erwähnt, klimatisiert auf Gefrierfachtemperaturen, weshalb ich wirklich dankbar war über den Schal aus Yakwolle und auch recht gut geschlafen habe.
Resümee:
Wir hatten wirklich eine wunderschöne Woche in Goa! Die Strände sind traumhaft schön, wir hatten nette Begegnungen, leckeres Essen und so gut wie alles lief wie am Schnürchen. Auch ein bisschen mehr Freiheit und Freizügigkeit tat uns bestimmt ganz gut, aber um ehrlich zu sein, hatte ich nicht das Gefühl, dass ich noch in Indien bin. Russische und englische Pauschaltouristen, die in knappen Bikinis am Strand liegen, am liebsten in ihrer eigenen Sprache angesprochen werden und zum Frühstück das erste Bier trinken? Auch diese ganzen Partys erschienen mir sehr unindisch (nicht, dass keine Inder dagewesen wären. Vor denen musste man sich als Mädchen echt in Acht nehmen, dass sie einen nicht "aus Versehen" antatschen). Die meisten Leute kommen wohl nach Goa, liegen zwei Wochen am Strand, kiffen oder nehmen andere Drogen, feiern und kaufen sich ein paar Stoffhosen, die sie aber nicht anziehen, falls sie doch mal vom Strand wegfahren: jedes Mal, wenn ich so viel nackte Haut außerhalb der Straße gesehen habe, war bei mir Fremdschämen angesagt. Goa ist mit Sicherheit der freizügigste Bundesstaat Indiens und auch viele der Einheimischen waren westlich gekleidet, viele in Kleidern, bei denen man auch die Knie gesehen hat. Aber trotzdem müssen es dann doch nicht die knappsten Hotpants und das am weitesten ausgeschnittene Top sein… Ich sehe etwas kritisch, dass diese Leute dann nach Hause kommen und erzählen, wie toll es doch in Indien sei: Das ist einfach ein ganz anderes Gesicht von Indien, als das, was man an allen anderen Orten kennenlernt.
Ein Engländer, mit dem ich mich mal unterhalten habe, hat es ganz gut auf den Punkt gebracht: Wenn Indien Cola ist, dann ist Goa Sprite. 

 

Freitag, 14. November 2014

Meine grosse Filmkarriere startet in 3, 2, 1...


Letzten Montag waren Annika und ich in unserer Mittagspause in Mamallapuram, einem Dorf in der Nähe, in dem wir schon manchmal waren. Es gibt dort eine Menge Reliefs und einen Strand und dadurch viele Touristen, worauf das Dorf auch ausgerichtet ist. Nun, Annika und ich hatten dort etwas zu erledigen und spazierten noch durch die Straßen, als uns ein anderes deutsches Mädchen ansprach: sie wurde gerade von einem Agenten angesprochen, ob sie nicht Lust hätte, morgen in einem Film mitzuspielen. Es wurden noch zwei andere Mädchen gebraucht, die sie suchen sollte. Wir gingen dann zusammen zu dem Agenten, der noch in Mamallapuram war, der schaute uns kurz an und fand uns passend, wir tauschten Handynummern aus und verabredeten uns am nächsten Morgen für sieben Uhr an der Straße in Mamallapuram. 

Wie wohl auch in Deutschland bekannt ist, gibt es in Indien eine riesige Filmindustrie. Nach Deutschland gelangen vor allem die Bollywood-Filme, die in Mumbai produziert werden und ursprünglich auf Hindi sind. Doch auch in Chennai werden massenhaft Filme produziert, inzwischen fast so viele wie in Mumbai. Diese werden Kollywood-Filme genannt und sind dann auf Tamil. Vom Stil her sind sie ähnlich wie die Bollywood-Filme: eine seichte Geschichte mit Actionszenen, einer Liebesgeschichte und Comedy-Einlagen und natürlich Musik- und Tanzszenen. Das ganze dauert dann noch drei Stunden und ist ein Film für die ganze Familie.
In diesen Filmen springen oft westlich aussehende Statisten herum, die meistens einfach auf der Straße angesprochen werden und dann einen Tag mit zum Set kommen. Genau so lief es bei uns auch: Wir wurden am Dienstagmorgen sogar fast pünktlich mit dem Auto (das dritte Mal, dass ich in Indien mit dem Auto gefahren bin!) abgeholt und fuhren zu einem Luxusresort in der Nähe. Als erstes bekamen wir mal Frühstück und wurden danach in unsere Kostüme gesteckt: Sportklamotten und Sportschuhe. 

Die Story des Films ist eine Art Dirty Dancing, nur mit Boxen: Die Heldin des Films kann eigentlich gar nicht boxen, muss aber einen Wettbewerb gewinnen. Sie trainiert hart und wird immer besser und verliebt sich (Überraschung!!) in ihren Trainer. Am Ende gibt es ein großes Turnier, und jetzt ratet, wer das gewinnt: ich!! (haha, kleiner Scherz)
Annika und ich waren Boxerinnen aus Russland und den USA, Hannah, die andere Deutsche, spielte meine Trainerin. Außerdem gab es noch ungefähr zehn andere Mädels, die auch Boxerinnen spielten. Ich gebe ehrlich zu, dass sie besser dafür qualifiziert waren: die Mädchen boxen auf Landesebene und sahen auch dementsprechend sportlich aus. Insgesamt fühlte ich mich etwas fehl am Platz: ein Sportfilm mit Liebeseinschlag-Meine Talente in beiderlei Hinsicht sind ja eher bescheiden. 
Mit einer der Profiboxerinnen


Wir waren in drei Szenen im Hintergrund zu sehen: einmal trainiert die Heldin im Fitnessstudio und wir bedienen die Geräte. Die zweite Szene war sehr amüsant: es sollte ein Training im Stadion darstellen und wir sollten uns im Hintergrund sportlich betätigen. Während die Boxerinnen rasant Seil sprangen, auf einen Boxsack einschlugen und Liegestütze machten, wurde mir so ein Gummi-Expander mit Griffen in die Hand gedrückt (und eine Jacke angezogen, den Sinn davon hab ich nicht so ganz verstanden). In der dritten Szene geht es darum, dass die Boxerinnen vor dem Turnier untersucht und gewogen werden und ich vermute, dass man mich da sowieso nur von hinten sieht. Ach ja, eventuell sieht man mich einmal noch auf den Stufen der Sporthalle schlafen (ich war müde…), aber ich hoffe einfach mal, dass wir da nicht zu sehen sind.
Auch wenn ich nicht die perfekte Besetzung war, hatten wir eine Menge Spaß. Die Boxerinnen waren begeistert von uns und versorgten uns mit Snacks und Getränken, wir bekamen gutes Essen und wurden ständig mit Tee versorgt.
Auch die Schauspielerin, die die Hauptrolle spielt, war super nett. Ich dachte eigentlich, dass die Stars, hier in Indien Heroes und Heroines genannt, eine Sonderbehandlung bekommen würden, aber die Hauptdarstellerin zog sich im gleichen Zimmer wie wir um und war insgesamt super unkompliziert und machte sich auch selbst die Haare. Allerdings war das auch ihr erster Film. 


Der männliche Hauptdarsteller (ihr Coach also), war da ein ganz anderes Kaliber: sein Assistent stand sozusagen die ganze Zeit in seiner Nähe und bediente ihn. Das wichtigste Instrument war ein Spiegel, den der Assistent über den Tag mindestens 15 Mal hinauszog und auch die Frage 'Hair ok?' war so oft zu hören, dass wir uns schon bald darüber lustig machten. Wir redeten auch mal mit der Hauptdarstellerin darüber, die grinsend meinte, dass in diesem Film wohl der Hero eigentlich die Heroine sei.
Der Agent fragte auch gleich, ob er sich bei mir melden könne, wenn er noch mehr Jobs für uns hätte, so stehe ich also in den Startlöchern für eine Karriere als professionelle Statistin. 



Dienstag, 4. November 2014

Mein Alltag-ein Fragebogen, Teil 1: Das Projekt


Meine liebe (Paten)Tante schrieb mir vor einiger Zeit eine Email mit einer Menge Fragen über meine Alltag, die ich hier nun als Grundlage verwende, um euch meinen Alltag ein bisschen näher zu bringen. 

  1. Wie klappt es inzwischen mit der Verständigung?

Nun ja. Also die Leute in unserem Projekt haben leider noch nicht auf wundersame Weise über Nacht Englisch gelernt und meine Fortschritte in Tamil sind auch nur mit einer Lupe auszumachen. Tamil ist einfach ziemlich schwierig und ich muss gestehen, dass ich mich auch nur sehr selten dazu aufraffen kann, mich in meiner Freizeit damit zu beschäftigen.
Trotz allem klappt es mit der Verständigung irgendwie. Es ist immer jemand in der Nähe, der zumindest ein paar Brocken Englisch kann, sei es eins von den Kindern, das dann hergeholt wird, um zu übersetzen, oder der Kioskbesitzer, der von unseren Nachbarn zu Rate gezogen wird, wenn sie uns etwas erklären wollen. Außerdem haben die Leute auch keinerlei Probleme damit, uns einfach auf Tamil zu erzählen, was sie uns sagen wollen, dass wir kein Wort verstehen, beeindruckt sie nur wenig. An manchen Tagen finde ich das lustig, an anderen Tagen nervt es mich aber auch, wenn mich jemand zutextet, der ganz genau weiß, dass ich kein Tamil verstehe.

 2. Könnt ihr den Kindern etwas beibringen?

Bis jetzt beschränkt sich unser Englischunterricht noch darauf, den Kindern dabei zu helfen, die Texte in ihrem Buch zu lesen. Die sind meiner Meinung nach leider dem Leistungsstand der Kinder kein bisschen angepasst und viel zu schwierig. Auch sehr verbreitet sind Gedichte, die die Kinder dann auswendig lernen müssen. So lesen wir also diese Texte, die die meisten Kinder nicht verstehen, wir können sie ihnen aber auch nicht erklären.
Dieser Zustand ist natürlich weder für die Kinder noch für uns befriedigend, weshalb wir jetzt angefangen haben, die Englischkenntnisse der Kinder zu testen, um sie dann in Gruppen einzuteilen. Wir planen jetzt, den Kindern in diesen Gruppen ihrem Leistungsstand angepassten Englischunterricht zu geben, das heißt für die Jüngeren, dass wir vor allem lesen und schreiben mit ihnen üben, mit den Älteren wollen wir vor allem sprechen und Konversationen üben.

  3. Wie ist der Kontakt zu den Mitarbeitern im Haus?

Außer den rund 50 Kindern gibt es im Projekt unsere 'Gastfamilie', bestehend aus unserer Gastschwester Arlene, die uns auch Tamilunterricht gibt, und unserem Gastvater/Projektleiter/Pastor. Mit unserer Gastschwester verstehen wir uns recht gut. Unser Gastvater ist, sagen wir mal, ein bisschen kompliziert. Er redet gerne und viel und man versteht leider sein Englisch nicht so gut, weshalb wir nur ungefähr die Hälfte von dem verstehen, was er so sagt.
Zudem gibt es noch Shanti, eine Frau mittleren Alters, die im Projekt wohnt und arbeitet. Sie ist für mich eine Art Ersatzmama, die sich um uns kümmert. Sie arbeitet in der Küche, weshalb wir bei der Küchenarbeit recht viel Kontakt mit ihr haben. Übrigens haben wir schon drei verschiedene Köchinnen mitbekommen, die alle nach einiger Zeit wieder verschwunden sind, seit die letzte weg ist, kocht Shanti.
Außerdem wohnt auch noch eine ältere Frau im Projekt, die von allen Amma, also Mama, genannt wird (ihren richtigen Namen weiß ich gar nicht). Sie arbeitet eigentlich nicht wirklich sondern sitzt den ganzen Tag nur auf einem Stuhl und beaufsichtigt von dort aus die Mädchen, wenn sie gerade draußen sind.
Unsere Contact person im Projekt ist Gandhimathi, die mit ihrer sechsjährigen Tochter Blessy ein Zimmer im Projekt hat. Sie ist mit dem jüngeren Bruder von unserem Gastvater verheiratet, der aber nur manchmal da ist. Sie ist unsere erste Ansprechperson, was Reisepläne, Probleme oder Fragen angeht und auch die Kontaktperson für unsere FSL-Betreuerin.
Am meisten Kontakt haben wir eigentlich mit Arlene, Shanti und Gandhimathi. Arlene spricht von allen am besten Englisch, die beiden Frauen sprechen gut genug Englisch, dass man sich mit ihnen mehr oder weniger problemlos verständigen kann.

4. Kannst du etwas mit der englischen Bibel und der Gitarre anfangen?

Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, habe ich mir eine Gitarre gekauft. Ich übe mehr oder weniger fleißig, halte meine Fähigkeiten allerdings noch nicht für präsentierfähig. Mein Plan auf längere Zeit gesehen ist es, mit den Kindern zu singen und vielleicht eine Art Chor aufzubauen. Wie gut das klappt, ist fraglich: Die Kinder singen zwar jeden Tag beim Gebet und viele haben auch ein sehr gutes Rhythmusgefühl, allerdings haben sie keinerlei musikalische Erziehung und ich bin mir nicht ganz sicher, wie gut sie neue Lieder lernen können. Aber einen Versuch ist es auf jeden Fall wert und falls das irgendwie klappen sollte, wird es bestimmt schön und spaßig sowohl für die Kinder als auch für mich.
Meine Oma hat mir schon vor längerer Zeit eine englische Bibel geschickt. Die Kinder haben morgens und abends ein Gebet, das so knapp eine halbe Stunde dauert. Morgens lesen sie immer eine Weile in der Bibel und abends muss jedes Kind einen auswendiggelernten Bibelvers aufsagen. Nun kam jemand auf die Idee, wir sollten doch den Kindern die Bibelverse auf Englisch beibringen, wofür natürlich eine englische Bibel nötig wäre. Umgesetzt haben wir diese Idee jedoch nie und ich bin ehrlich gesagt auch ganz froh darüber, da die Kinder wirklich schon genug lernen müssen und wir ihnen die Sache nicht noch unnötig schwerer machen wollen. Außerdem bringt es ihnen auch nichts, die Verse auf Englisch auswendig zu lernen, da sie nichts verstehen werden.

 Unsere Arbeit und unser Tagesablauf haben sich eigentlich seit dem letzten Post zu diesem Thema nicht veraendert. Falls ihr noch weiter Fragen habt, was mein Projekt oder andere Teile meines Alltags angeht, scheut euch nicht, mir zu schreiben!