An alle, die sich wundern, warum ich mich in
den letzten Wochen so wenig gemeldet habe: es tut mir leid, ich war äußerst
beschäftigt (damit, am Strand zu liegen…). Falls ihr die Vorstellung vertragen
könnt, dass ich, während ihr im grauen deutschen Winter sitzt, am Strand lag,
dann lest jetzt weiter… Falls ihr nur wissen wollt, wie es mir gefallen hat,
könnt ihr auch ganz runter zum Resümee scrollen ;)
Annika und ich sind am 18. November zu unserer
bislang längsten Reise aufgebrochen. Morgens um sieben gingen wir aus dem Haus
und trafen uns in Chennai mit unserer Koordinatorin Rubini und den anderen
Freiwilligen. Wir fuhren zusammen zu unserer Quarterly Evaluation, dem FSL-Camp
nach drei, in unserem Fall fast vier, Monaten.
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Zugfahren indian style: Beine baumeln lassen und Fahrtwind geniessen |
Zum Camp gibt es nicht so viel zu sagen,
inhaltlich kam nicht so viel dabei rum (eine Aufgabe war zum Beispiel, sich
nochmal darüber klar zu werden, warum man ein Freiwilligenjahr in Indien
verbringt. Ja Mensch, da hab ich mir echt noch nie Gedanken darüber gemacht!),
aber es gab nicht so viel Programm und dadurch viel Zeit für Gespräche mit
Freiwilligen, die man teilweise seit dem Arrival-Camp nicht mehr gesehen hat.
Nach dem Camp zog gefühlt die halbe
Freiwilligengruppe weiter in den Norden, um noch zwei gemeinsame Tage am Strand
zu
verbringen. Wir fuhren nach Gokarna, ein kleines Dörfchen im Norden
Karnatakas. Gokarna steht wohl an der Schwelle, ein verlängertes Goa zu werden:
An den Stränden wachsen langsam Restaurants und Strandhütten und man kann den ganzen
Tag über Bier bestellen (für Indien sehr untypisch. Hier kann man in den
meisten Bundesstaaten in einem normalen Restaurant gar keinen Alkohol
bestellen, sondern muss ihn in einem speziellen Kiosk kaufen. Diese Kioske sind
wirklich so gar nicht verlockend: kleine, komplett vergitterte Hütten, vor
denen sich die Männer scharen. Manche hängen so richtig von außen an den
Gitterstäben, dass man das Gefühl hat, als wäre es ein Gefängnis (oder ein
Affenkäfig), nur dass die Männer auf der falschen Seite stehen Als Frau taucht
man da besser gar nicht auf). Trotzdem ist alles noch sehr ruhig und familiär
und der Strand wunderschön. Eigentlich hatten meine Mitfreiwillige Annika,
Katrin (eine andere Freiwillige, die in Karnataka wohnt) und ich geplant,
gleich nach dem Camp nach Goa zu fahren, aber letztendlich waren wir froh, dass
wir noch mit den anderen mitgegangen sind und zwei schöne Tage mit Baden, Essen
und Reden verbracht haben.
Am Sonntag nahmen wir dann abends den Zug und
fuhren Richtung Goa. Zu unserem Glück war im gleichen Abteil wie wir eine
Gruppe aus verschiedenen europäischen Familien, die auch nach Palolem, ein
Strand im Süden Goas, wollten, weil sie da in der Nähe wohnten. In indischen
Zügen gibt es keinerlei Durchsage, wo man sich gerade befindet und auch am
Bahnhof sind nur manchmal Schilder auf denen steht, wie die Haltestelle heißt.
Wir hatten ein bisschen Sorge, den Ausstieg zu verpassen, aber der polnische
Familienvater neben mir hatte einen richtigen Durchblick und so war alles kein
Problem. Die polnische Familie teilte sich dann sogar noch mit uns ein Taxi und
erzählte uns, dass Patnem, der Strand neben Palolem, eigentlich viel schöner
und vor allem auch viel günstiger sei. So änderten wir spontan unseren Plan und
die Familie lieferte uns gegen halb neun im Round Cube ab, einem Restaurant,
das auch günstige Zimmer vermietet. Die einzigen verfügbaren Zimmer kosteten
dann allerdings 800 Rupien pro Nacht, das sind zehn Euro. Da man in Indien auch
für die Hälfte ein gutes Zimmer bekommen kann, beschlossen wir noch weiter den
Strand hinunterzulaufen. Der eine Kellner meinte zwar, dass es unwahrscheinlich
wäre, etwas günstigeres zu finden, gab uns aber einen Tipp, wo es noch etwas
unserem Budget angepasstes geben könnte: In Mickeys Naughty Corner, wo wir
tatsächlich dann eine Hütte aus Sperrholzplatten ohne Strom für 400 Rupien
bekamen. Einer musste auch auf dem Boden schlafen, aber wir waren glücklich,
eine günstige Bleibe gefunden zu haben.

Weil die Kellner im Round Cube aber so nett
waren (und wir unseren Triumph zeigen wollten: entgegen seiner Vermutung hatten
wir noch was günstigeres gefunden!), gingen wir wieder an den Anfang des
Strandes und aßen dort. Dann tranken wir noch Cocktails und schrieben Tagebuch
und waren am Ende die letzten Gäste im Lokal. Anstatt uns aber rauszuschmeißen,
setzten sich die Kellner zu uns und wir unterhielten uns nett. Wir fühlten uns
im Round Cube und am Patnem Beach letztendlich so wohl, dass wir statt einer
geplanten Nacht zwei Nächte blieben und auch immer nur im Round Cube aßen. Wir
freundeten uns gut mit den Kellnern an und hatten eine Menge Spaß. Hätte Katrin
nicht am Mittwoch den Zug nehmen müssen, weil sie nicht so viele Tage
freihatte, wären wir vielleicht auch noch länger geblieben.
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Patnem bei Nacht |
Da Katrins Zug morgens sehr früh ging,
verbrachten wir eine Nacht in Margao (keine besonders schöne Stadt), und Annika
und ich fuhren am Mittwoch weiter nach Anjuna. Mittwochs ist in Anjuna Flea
Market: Ein riesiger Markt, auf dem man (und vor allem frau) von Schmuck über
Kleidung und Taschen bis zu Tagebüchern alles findet, was das Herz begehrt. Wir
stürzten uns ins Getümmel und ließen stundenlang die Eindrücke auf uns
einströmen, handelten, was das Zeug hielt und waren sehr erfolgreich (ich habe
echt nur nützliche Dinge gekauft, zum Beispiel einen Schal aus Yakwolle. Ihr
lacht jetzt bestimmt und sagt, dass ich ihn nie benutzen werde. Aber HA! Ich
konnte ihn auf der Heimfahrt im klimatisierten Bus schon gut gebrauchen!).
Übrigens haben wir auch in Anjuna wieder eine
supergünstige Unterkunft gefunden: diesmal sogar für 300 Rupien, und Strom gab
es auch. Wir waren auf der Suche nach einem Zimmer und waren schon kurz davor,
ein teures für 500 Rupien zu nehmen, als uns eine alte Frau, die in ihrem
kleinen Geschäft saß, ansprach, ob wir ein Zimmer suchen würden. Sie hatte so
eine Hütte im Garten, in der zwei Betten standen. Perfekt!
Anjuna ist eine Art Ballermann für Russen.
Mindestens die Hälfte der weißen Touristen, die in knappen Bikinis am Strand
lag, kam aus Russland. Speisekarten sind oft auch auf Russisch und auf dem
Markt wurden wir ständig auf Russisch angelabert. Außerdem gibt es in Anjuna
eine Menge Partys am Strand. In Goa gibt es eigentlich ein Gesetz, das laute
Musik nach 22 Uhr verbietet, aber einige Bars scheinen sich mit den Polizisten
angefreundet zu haben oder ignorieren die Regel einfach dreist, jedenfalls muss
man einfach nur den Strand entlang laufen und findet eine Party. Das haben wir
dann auch die drei Nächte, die wir da waren, ausgenutzt. Allerdings gibt es
keinerlei musikalische Variation: es kommt immer nur diese Goa-typische
Electro-Trance-Musik, also sozusagen ein Beat, der sich die ganze Zeit lang
nicht verändert. Gebt mal bei Youtube Goa ein… Sowas. Und zwar die ganze Zeit!
Da steh ich ja mal so gar nicht drauf…Was in Anjuna auch eine große Rolle
spielt, sind Drogen (Goa wird ja oft automatisch mit Kiffen verbunden- ein
Klischee, das zumindest in Anjuna zutrifft). Als wir am Tag unserer Ankunft zum
Strand runtergelaufen sind, haben wir ungefähr zehn Angebote bekommen, Drogen
zu kaufen. Das läuft so: Man läuft die Straße entlang, die von diesen typischen
Touristen-Straßenständen, an denen Strandkleidung und weite Hosen und Hemden
verkauft werden (was der Westen so als typisch indisch sieht, aber da kommt mal
ein eigener Post dazu). Die Verkäufer stehen meist davor herum und kommen dann
näher, um einem ins Ohr zu raunen: "Weed? Marrrrijuanaa? Haschiiiisch?
Mushrooms I also have" Ich fand das jedes Mal irre lustig und bin lachend
weitergelaufen (keine Sorge, Annika und ich waren sehr vernünftig). Die meisten
anderen Besucher konnten der Versuchung aber wahrscheinlich nicht so gut
widerstehen wie wir und-hier kommen wir zum Zusammenhang zwischen Drogen und
Musik- fanden diese meiner Meinung nach ganz fürchterliche Musik richtig cool.
Von Anjuna aus machten wir am Donnerstag einen
Ausflug nach Old Goa, wo uns eine Überraschung erwartete- dazu gibt es mal noch
einen extra Blogeintrag, weil das hier jetzt schon den Rahmen sprengt. Den
Freitag verbrachten wir am Strand. Anjuna ist vom Strand her echt nicht so
schön wie Patnem, vor allem, weil es richtig viele Felsen gibt (was wir an
unserem ersten Tag dort unsanft herausfinden mussten: wir wollten abends noch
baden gehen und liefen ins Wasser. Zuerst dachten wir, die Felsen wären nur an
einer Stelle, aber wir staksten dann eine Weile herum und sie waren überall.
Irgendwann verlor ich das Gleichgewicht und platschte unsanft ins Wasser.
Tja.), aber es gibt doch auch ein paar Stellen ohne. Außerdem chillten wir
eigentlich die meiste Zeit in so einem coolen Zelt.
Am Samstag gönnten wir uns noch ein leckeres
Frühstück (überhaupt haben wir die ganze Zeit so geschlemmt… da ging echt das
meiste Geld für drauf!) und gingen dann nach Panaji, von wo aus unser Bus
abends fuhr. Wir spazierten den Nachmittag über in der hübschen, mediterran
angehauchten Altstadt herum und machten uns dann an den 24 Stunden langen
Heimweg. Der Bus war, wie oben schon erwähnt, klimatisiert auf
Gefrierfachtemperaturen, weshalb ich wirklich dankbar war über den Schal aus
Yakwolle und auch recht gut geschlafen habe.
Resümee:
Wir hatten wirklich eine wunderschöne Woche in
Goa! Die Strände sind traumhaft schön, wir hatten nette Begegnungen, leckeres
Essen und so gut wie alles lief wie am Schnürchen. Auch ein bisschen mehr
Freiheit und Freizügigkeit tat uns bestimmt ganz gut, aber um ehrlich zu sein,
hatte ich nicht das Gefühl, dass ich noch in Indien bin. Russische und
englische Pauschaltouristen, die in knappen Bikinis am Strand liegen, am
liebsten in ihrer eigenen Sprache angesprochen werden und zum Frühstück das
erste Bier trinken? Auch diese ganzen Partys erschienen mir sehr unindisch
(nicht, dass keine Inder dagewesen wären. Vor denen musste man sich als Mädchen
echt in Acht nehmen, dass sie einen nicht "aus Versehen" antatschen).
Die meisten Leute kommen wohl nach Goa, liegen zwei Wochen am Strand, kiffen
oder nehmen andere Drogen, feiern und kaufen sich ein paar Stoffhosen, die sie
aber nicht anziehen, falls sie doch mal vom Strand wegfahren: jedes Mal, wenn
ich so viel nackte Haut außerhalb der Straße gesehen habe, war bei mir
Fremdschämen angesagt. Goa ist mit Sicherheit der freizügigste Bundesstaat
Indiens und auch viele der Einheimischen waren westlich gekleidet, viele in
Kleidern, bei denen man auch die Knie gesehen hat. Aber trotzdem müssen es dann
doch nicht die knappsten Hotpants und das am weitesten ausgeschnittene Top
sein… Ich sehe etwas kritisch, dass diese Leute dann nach Hause kommen und
erzählen, wie toll es doch in Indien sei: Das ist einfach ein ganz anderes
Gesicht von Indien, als das, was man an allen anderen Orten kennenlernt.
Ein Engländer, mit dem ich mich mal
unterhalten habe, hat es ganz gut auf den Punkt gebracht: Wenn Indien Cola ist,
dann ist Goa Sprite.